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ter“85. Der österreichische Schriftsteller Michael Scharang würdigte den Roman
in der Volksstimme mit einer längeren Besprechung. Er hob dabei die Über-
zeugungskraft, die von Wiesingers Darstellung ausging, hervor, und betonte,
dass es sich nicht um einen historischen, sondern um einen politischen Roman
handelte, der „in die geschichtliche Wirklichkeit eine realistische Geschichte“
einsetzt und Spannung erzeugt, die sich „aus den Spannungen einer Klassenge-
sellschaft herleitet“.86
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Österreich-Bilder, die in den
Texten der politischen Nachkriegsliteratur aufscheinen, zwar eng mit zeitge-
schichtlichen Ereignissen und den jeweiligen politischen Positionen verflochten
sind, andererseits aber kaum Perspektiven für eine selbst- und geschichtsbe-
wusste Identitätsbildung des neu erstandenen Staates bieten oder seine zukünf-
tige Rolle im Spannungsfeld des Kalten Krieges bestimmen helfen. Mit einer
Gemengelage aus Opfermythos, Monarchiesehnsucht und katholischem Chris-
tentum, auf die die meisten Österreich-Bilder zurückgreifen, ist kein moderner
Staat zu machen.
85 Thomas Zenke: Rotes Licht für kritisches Denken. Ein proletarisch-revolutionärer Roman. In:
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.5.1974.
86 Michael Scharang: Ein Volksschriftsteller. In: Volksstimme, 11 5.1974. Obwohl Wiesingers
Werk in österreichischen Medien anderer politischer Couleur ignoriert wurde, sorgte der
Roman mit seiner kritischen Sichtweise und „Korrektur“ des offiziellen Narratives vom „Streik-
putsch“ bei einem ehemaligen „Machthaber“ für Verstimmung: Franz Olah, dessen Name stets
mit der „heldenhaften“ Bekämpfung des „Oktoberstreiks“ 1950 in Verbindung gebracht wurde,
erstattete im Dezember 1974 Strafanzeige und reichte eine Ehrenbeleidigungsklage ein, was
dazu führte, dass der Roman in Österreich beschlagnahmt wurde. Wie das Neue Forvm berich-
tete, störte sich der ehemalige Innenminister und Präsident des Österreichischen Gewerk-
schaftsbundes an einer Stelle des Romans, in der er der Mitschuld am sogenannten Holowa-
ty-Skandal bezichtigt wurde. vgl. M.S.: Olah zensuriert Wiesinger. In: Neues Forvm
23 (1975)
H. 253/254, S. 2. Oktoberstreik 1950 577
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918