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chenroman vom Menschenraub“ versehen, in dem er auf einen historischen Fall
aus dem Jahr 1950 Bezug nimmt. In Johannes Mario Simmels Lieb Vaterland
magst ruhig sein (1965) wird die Menschlichkeit eines Safeknackers auf die Pro-
be gestellt, der vom ostdeutschen Geheimdienst gezwungen wird, einen west-
deutschen Geschäftsmann zu verschleppen. Ein junger Arbeiter gerät in Karl
Bednariks Roman OMEGA Fleischwolf14 (1954) in Verdacht, an seiner Arbeits-
stätte in einer der „Verwaltung des sowjetischen Eigentums in Österreich“ (USIA)
nachempfundenen Fabrik Sabotage begangen zu haben und wird in der Folge
zum Opfer eines Verschleppungsversuchs. In den gemeinsam mit Bertrand Alfred
Egger verfassten Raubersg’schichten (1962) findet sich Federmanns Porträt eines
Menschenräubers, der einem historischen Vorbild nachempfunden ist. Der Pro-
pagandakrieg zwischen den Besatzungsmächten auf österreichischem Boden
wird in Federmanns Himmelreich der Lügner (1959) anhand des rätselhaften
Verschwindens eines kommunistischen Politikers aufgezeigt, während in Sus-
anne Wantochs Das Haus in der Brigittastraße (1955) der junge Künstler Ferdi-
nand Krenek vom amerikanischen Spionageabwehrdienst CIC verschleppt wird.
Sowohl in Richard Billingers Donauballade (1959) als auch in Die Nachzügler
(1961) von Rudolf Henz treten zwielichtige Figuren auf, die nicht nur der Spio-
nage, sondern auch des Menschenraubs verdächtigt werden. Dick und Mac, Pro-
tagonisten des Jugendbuches Gefährliche Grenze (1956) von Paul Anton Keller,
belauschen an der ungarischen Grenze den Plan dreier „Zigeuner“ (GG 167),
einen Wiener Professor, der über wichtige Informationen verfügt, zu verschlep-
pen. Und in dem kurzen Hörspielsketch Weg in die Vergangenheit (1955) von
Carl Merz und Helmut Qualtinger befürchtet die Frau eines Öl-Fachmanns, die-
ser wäre bei einem Auftrag in der sowjetischen Besatzungszone in die Fänge der
Russen geraten. Selbst in den „Spionageromanen“ von Karl Wiesinger (Pseudo-
nym Frank I. Noel) beabsichtigte dieser, die Hauptfigur, einen amerikanischen
Inspektor, in die Fänge von Menschenräubern geraten zu lassen, die ihn nach
Sibirien verschleppen.15
Doch nicht nur in der österreichischen Literatur, auch im internationalen
Film dieser Zeit ist der Menschenraub Thema: Sowohl Graham Greenes und
Carol Reeds The Third Man (1949) als auch George Sidneys The Red Danube
(1949; dt. Schicksal in Wien), an dessen Drehbuch die Schriftstellerin Gina Kaus
14 Karl Bednarik: OMEGA Fleischwolf. Wien: Kremayr & Scheriau 1954 [Im Folgenden abgek.
OF].
15 Vgl. Frank I. Noel: Froschmänner am Werk. (Achtung! Atomspionage!; Bd. 4), S. 46. Die Ankün-
digung für den sechsten Band Die Sklavenbrigade, der jedoch nicht mehr erscheinen sollte,
verkündet: „Grasill wurde verschleppt. Ein Flugzeug führt ihn weg aus der Atomstadt in Lap-
pland. Richtung Osten. Aber keine Russen. Es sind Angehörige der dritten Macht. Weil Grasill
das Dokument entdeckt hat, soll er verschwinden. Aber er soll für die dritte Macht arbeiten,
die die von einer zweiten Macht mißbrauchten Sklaven befreien will.“
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582 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918