Page - 586 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Image of the Page - 586 -
Text of the Page - 586 -
Kreuzer stellt die politischen Hintergründe des Phänomens Menschenraub ins
Zentrum seines Romans. Protagonist ist Mirko, ein Polizeibeamter und Mitglied
der Kommunistischen Partei, der weniger aus politischem Idealismus denn aus
seinen zahlreichen Lastern, wie Trink- und Spielsucht sowie einer notorischen
Schwäche für Frauen der sowjetischen Kommandantur zuarbeitet, da ihm deren
Aufträge zu Geld verhelfen. So meint er: „Aber es wußte doch ein jeder, daß man
die Moneten meinte und die Weiber, nicht den Kommunismus.“ (SS 21)
Der Vorwurf, dass die Akteure, die die Verschleppungen im Auftrag der Sow-
jets durchführen, niedrigen Motiven, vor allem aber finanziellen Interessen fol-
gen, findet sich auch in Internationale Zone. Hier ist es ein sowjetischer Haupt-
mann namens Gubarew, für den eine Schleichhändlerbande missliebige Personen
entführt. Im Gegenzug decken Gubarews Leute ihren Zigarettenschmuggel. Für
jeweils einen Verschleppten erhält die Schmugglerbande die Lizenz für eine
Ladung Zigaretten. Auf die Frage des Bandenchefs Georges Maine, wer als nächs-
tes zu verschleppen sei, meint der Hauptmann, dass Maine die Gründe für die
Verschleppung nicht interessieren würden: „Sie interessieren nur die Zigaret-
ten.“ (IZ 56) Dennoch ist Maine nicht frei von Zwängen. Da er sich trotz seines
prekären Status als Flüchtling „so tief mit dem Hauptmann eingelassen“ (IZ 57)
hat, kann ihm Gubarew drohen, ihn „jederzeit durch Mittelsleute anzeigen“ (IZ
57) zu lassen. Die Motivationen der Figuren in den beiden Romanen, für die
sowjetische Besatzungsmacht als „Menschenräuber“ zu fungieren, sind vor allem
materieller Natur. Keine der Figuren sympathisiert mit den Sowjets und ihren
Methoden, wie auch Hauptmann Gubarew weiß: „Aber wie kann ich konspira-
tiv sein, wenn ich gezwungen bin, mit Banditen zusammenzuarbeiten? Wo fin-
de ich einen ehrlichen Menschen, der das aus Idealismus tut?“ (IZ 174)
In Die schwarze Sonne findet sich dasselbe Motiv der Kooperation zwischen
der sowjetischen Besatzungsmacht und der Unterwelt.30 Benno, der Anführer
macht“ versuchten, ihn in der Wohnung seiner damaligen Frau, die in der Sowjetzone lag, „zu
kassieren und eventuell nach Sibirien zu verschicken, wie es zu dieser Zeit durchaus üblich
war“. Zu seinem Glück war er zu besagtem Zeitpunkt nicht zu Hause. Dor: Auf dem falschen
Dampfer, S. 238. Hermann Schreiber erinnert sich: „Daß ich hundert Meter von der Grenze
der britischen, aber in der sowjetischen Besatzungszone wohnte, störte nicht nur meine fran-
zösischen Arbeitgeber, sondern vor allem einige meiner Freunde. Milo Dor und Federmann
arbeiteten mit Friedrich Torberg zusammen, und wenn dies auch literarische oder publizisti-
sche Aktivitäten waren, so hatten sie sich in ihrem Roman Internationale Zone und in verschie-
denen Artikeln doch ziemlich weit vorgewagt und mussten zumindest mit unangenehmen
Verhören rechnen, wenn sie den Russen zu nahe kamen. […] Die Ängste, die Federmann aus-
stand, wenn er die paar Schritte vom (britischen) Margarethengürtel zum Haus 64 auf dem
(sowjetischen) Wiednergürtel zurücklegen mußte, hat Helmut Qualtinger in einem Bonmot
geschildert: ‚Wenn der Federmann zum Schreiber um Geld geht, dann glaubt er immer eine
Stimme zu hören, die hinter ihm herruft: Fjedermann!‘“ Schreiber: Ein kühler Morgen, S. 97.
30 Vgl. Stocker: Jenseits des „Dritten Mannes“, S. 120. Die Arbeiter-Zeitung argumentierte,
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
586 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918