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„Displaced Persons“ vom Westen als Spione gegen das eigene Land Verwendung
finden würden.32
Ein solcher Fall von „Repatriierung“ bildet auch ein Handlungsstrang in Inter-
nationale Zone. Auf nur wenigen Seiten entfaltet der Text eine idealtypische Bio-
graphie eines Majors der Roten Armee, der 1941 in deutsche Kriegsgefangen-
schaft gerät und durch Flucht dem sicheren Tod entgeht, dann untertaucht und
nach Kriegsende nach Wien geht, wo er sich zunächst vor den Sowjets verste-
cken muss, die „den ehemaligen Major […] repatriiert hätten“, was wie für zahl-
lose andere ehemalige sowjetische Kriegsgefangene die Deportation in den Gulag
wegen angeblicher Desertion oder Kollaboration mit dem Feind bedeutete.33
Er taucht erst wieder als „legale Person“ auf, als der Bezirk Josefstadt zur ame-
rikanischen Besatzungszone wird (IZ 101). Dort holen ihn zwei von den Ziga-
rettenschmugglern bestochene US-Soldaten zu einem vermeintlichen Gespräch
mit dem US-Provost Marshall ab. Damit sprechen Dor und Federmann ein wei-
teres brisantes Thema an, das in dieser Form auch für die US-Behörde zum Pro-
blem wurde, denn die „grossen, leicht verdienten Summen“ stellten eine „dau-
ernde schwere Versuchung für viele amerikanische Soldaten“ dar.34 Mit
Schrecken muss der Major feststellen, dass der Jeep in Richtung russische Zone
unterwegs ist: „Er war nie in die russische Zone gegangen, auch in die interna-
tionale nicht, solange die Russen dort das Kommando hatten.“ (IZ 104) Kaum
hat der Jeep die Demarkationslinie überschritten, wird er Angehörigen der Roten
Armee übergeben, niedergeschlagen und von einem sowjetischen Hauptmann
verhört. Das weitere Schicksal des Majors lässt der Roman im Dunkeln. Für sei-
ne zurückgelassene österreichische Frau sind die Praktiken der Sowjets mit jenen
der Nationalsozialisten vergleichbar, denen man zwischen 1938 und 1945 „aus-
geliefert“ war: „Aber heute? Heute lebte man in einem befreiten Lande.“ (IZ 107)
Im Einklang mit der Besatzungs-Kritik der Arbeiter-Zeitung stellt der Roman
genau das in Frage.
Die Darstellung dieser Verschleppung unter dem Vorzeichen der Repatriie-
rung soll verdeutlichen, dass – obwohl die Sowjets in den österreichischen West-
zonen über keinerlei offizielle Autorität verfügten und ihre Repatriierungspoli-
tik von den Westmächten zunehmend eingeschränkt war – der „lange Arm
Moskaus in einzelnen Fällen immer noch über die sowjetische Besatzungszone
hinaus“35 reichte. Vor der sowjetischen Besatzungsmacht, so der Tenor des Tex-
tes, ist auf österreichischem Boden niemand sicher, da sie überall ihre Handlan-
32 Vgl. Peter Ruggenthaler, Walter M. Iber: Sowjetische Repatriierungspolitik in Österreich. In: Dies.
(Hg.): Hitlers Sklaven – Stalins „Verräter“. Aspekte der Repression an Zwangsarbeitern und Kriegs-
gefangenen. Eine Zwischenbilanz. Innsbruck, Wien, Bozen: Studienverl. 2010, S. 247–280.
33 Vgl. Applebaum: Der Gulag, S. 463.
34 Harry B. Thompson: Krieg der Spione in Wien. In: Der Standpunkt, 14.7.1950, S. 5–6.
35 Ruggenthaler, Iber: Sowjetische Repatriierungspolitik, S. 260.
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588 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918