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und literarisches Schreiben besonders eng verschränkt. Wie Milo Dor bemerkt
hat, lieferte er „in seinen gut recherchierten Berichten genügend Material über
die Hintergründe des Schwarzhandels und der oft dubiosen Machenschaften der
Besatzungsmächte, die ihren kalten Krieg auch auf dem Wiener Boden ausfoch-
ten“ (IZ 239), Material, das sie für ihren Thriller als Quelle heranzogen. Aber
Kreuzer hat seine Recherchen auch selbst literarisiert, denn für Die schwarze
Sonne lieferte der Fall eines tatsächlichen Menschenraubs von 1948 das Vorbild.
Kreuzer hatte durch hartnäckige Nachforschungen herausgefunden, dass die
1923 in der Sowjetunion geborene Marija V. Subač (Maria Subatsch), die 1944
aus Weißrussland nach Wien geflüchtet war, wo sie als Haushaltsgehilfin eines
Zahnarztes arbeitete und im Oktober 1950 spurlos verschwunden war, durch
den Kriminalbeamten Miroslav Cmejrek im Auftrag der sowjetischen Besat-
zungsmacht verschleppt worden war.37 Der Verschleppung war eine Affäre vor-
ausgegangen, im Zuge derer Cmejrek, der auch Mitglied der KPÖ war, Subač
die Ehe versprach, was ihm jedoch nur dazu diente, sie zu täuschen. Die Arbei-
ter-Zeitung rekonstruierte den Hergang des Menschenraubs in allen Einzel-
heiten, an die sich auch Kreuzers Schilderung im Roman hält: Er ging mit ihr
zum Heurigen, wo sie so lange tranken, bis sie „vollständig alkoholisiert“ war
und als sie „völlig handlungsunfähig“ war, führte er sie hinaus und setzte sie in
„ein Personenauto, Marke BMW, mit Wiener Kennzeichen“. Cmejrek fuhr mit
ihr bis zu einem vereinbarten Platz:
Dort warteten drei Agenten des russischen Geheimdienstes. Der Kriminalbeamte
täuschte einen Motorschaden vor, stieg aus und die drei Männer stiegen in das
Auto ein und fuhren davon. Das Schicksal Maria Subatschs war besiegelt.38
Nach demselben Muster erfolgt auch die Verschleppung der Russin im Roman.
Das weitere Schicksal der Marija V. Subač, das sowohl Kreuzer als auch der
Arbeiter-Zeitung unbekannt bleiben musste, gestaltet sich tragisch. Die ent-
führte Romanfigur wird wegen „Landesverrat“ zu einer Strafe von 25 Jahren
verurteilt, im Gulag interniert und sieht schwer erkrankt ihrem baldigen Tod
entgegen. Subač wurde am 29. März 1951 aufgrund desselben „Verbrechens“
vom Badener Militärtribunal zum Tode verurteilt und am 14.
Juni 1951 in Mos-
kau hingerichtet, wie erst durch die Recherchen des Ludwig-Boltzmann-Insti-
tuts für Kriegsfolgen-Forschung fast sechzig Jahre später bekannt wurde.39
37 N.N.: Die Arbeiter-Zeitung entlarvt einen Menschenräuber. In: Arbeiter-Zeitung, 18.5.1951,
S. 1.
38 Ebd.
39 Vgl. Edith Petschnigg: Stimmen aus der Todeszelle. Kurzbiografien der Opfer. Marija V. Subač
(1923–1951). In: Karner (Hg.): Stalins letzte Opfer, S. 541–545.
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590 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918