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dient, möglichst anonym sein Opfer in die russische Zone zu befördern: „Plötz-
lich sprang aus dem Auto ein junger, schlanker Mann und stürzte sich auf eine
etwa dreißigjährige Frau, die auf dem Gehsteig vorbeiging.“44 Es war allgemein
bekannt, wohin die Verschleppten gebracht wurden, nämlich in das Hauptquar-
tier der sowjetischen Besatzungsmacht in Baden bei Wien, das ein „streng gehü-
tetes Geheimnis“ verbarg, nämlich ein Gefängnis. Wie die Arbeiter-Zeitung
berichtet, waren dort zahlreiche Häftlinge interniert, die „aus der Veröffentli-
chung einer unaufgeklärt gebliebenen und natürlich von der Besatzungsmacht
bestrittenen ‚Entführungsgeschichte‘ bekannt“ wären, dort würde sich ein Groß-
teil der Opfer „rätselhaften ‚Verschwindens‘“ finden und von dort aus würden
sie ihren Weg ins „Unbekannte“ antreten.45 Es handelte sich dabei um das „Mili-
tärtribunal des Truppenteils 28990“, das allein zwischen 1950 und Stalins Tod
im März 1953 90 Menschen, vor allem österreichische Staatsbürgerinnen und
Staatsbürger, zum Tode verurteilte.46
Das Phänomen Menschenraub steht in der Literatur oft in engem Zusam-
menhang mit Spionage, wie dies etwa in den Romanen von Dor und Federmann,
aber auch in Lieb Vaterland magst ruhig sein (1965) von Johannes Mario Simmel
der Fall ist. Hier ist die geplante Verschleppung des reichen westdeutschen
Geschäftsmannes Fanzelau, der den Bau von Fluchttunneln unterhalb Berlins
finanziert, mit den Aktivitäten der Nachrichtendienste in Ost und West gekop-
pelt. Ihr willfähriges „Werkzeug“ ist auch hier ein – allerdings sympathisch
gezeichneter – Krimineller namens Bruno Knolle, der zwischen die Fronten des
Spionagekriegs gerät.
Der in der Tradition von Alfred Döblins Franz Biberkopf47 stehende Knolle,
der wegen Einbruchs und Safeknackerei in der Strafanstalt Brandenburg einge-
sessen hat, wird kurz nach seiner Entlassung zum Instrument des SSD gemacht
und durch einen Fluchttunnel in den Westen geschleust, mit dem Auftrag, eine
zunächst nicht näher beschriebene Person zu entführen. Es ist SSD-Agent Wil-
helm Bräsig, Spezialist für Verhöre, der Bruno im Auftrag des SSD-Chefs anweist,
er solle einen „kleinen Dienst“ erledigen: „Drüben in Westberlin sitzt einer. Den
sollen Sie uns herüberschaffen.“ (LV 111) Bräsig verspricht Knolle dafür, ihm
einen lange gehegten Traum zu erfüllen: Er soll die Konzession für eine eigene
Kneipe im Ostsektor von Berlin erhalten. Knolle reagiert jedoch ablehnend auf
dieses Angebot, für ihn wäre dies „Menschenraub“, was Bräsig in folgenden Wor-
ten abzuschwächen versucht:
44 N.N.: Der Menschenraub geht weiter. In: Arbeiter-Zeitung, 22.6.1948, S. 1.
45 N.N.: Das geheimnisvolle Haus in Baden. In: Arbeiter-Zeitung, 19.6.1948, S. 1.
46 Vgl. Stelzl-Marx: Verschleppt und erschossen, S. 25.
47 Vgl. Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. München:
dtv 1980.
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592 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918