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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Page - 592 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur

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dient, möglichst anonym sein Opfer in die russische Zone zu befördern: „Plötz- lich sprang aus dem Auto ein junger, schlanker Mann und stürzte sich auf eine etwa dreißigjährige Frau, die auf dem Gehsteig vorbeiging.“44 Es war allgemein bekannt, wohin die Verschleppten gebracht wurden, nämlich in das Hauptquar- tier der sowjetischen Besatzungsmacht in Baden bei Wien, das ein „streng gehü- tetes Geheimnis“ verbarg, nämlich ein Gefängnis. Wie die Arbeiter-Zeitung berichtet, waren dort zahlreiche Häftlinge interniert, die „aus der Veröffentli- chung einer unaufgeklärt gebliebenen und natürlich von der Besatzungsmacht bestrittenen ‚Entführungsgeschichte‘ bekannt“ wären, dort würde sich ein Groß- teil der Opfer „rätselhaften ‚Verschwindens‘“ finden und von dort aus würden sie ihren Weg ins „Unbekannte“ antreten.45 Es handelte sich dabei um das „Mili- tärtribunal des Truppenteils 28990“, das allein zwischen 1950 und Stalins Tod im März 1953 90 Menschen, vor allem österreichische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, zum Tode verurteilte.46 Das Phänomen Menschenraub steht in der Literatur oft in engem Zusam- menhang mit Spionage, wie dies etwa in den Romanen von Dor und Federmann, aber auch in Lieb Vaterland magst ruhig sein (1965) von Johannes Mario Simmel der Fall ist. Hier ist die geplante Verschleppung des reichen westdeutschen Geschäftsmannes Fanzelau, der den Bau von Fluchttunneln unterhalb Berlins finanziert, mit den Aktivitäten der Nachrichtendienste in Ost und West gekop- pelt. Ihr willfähriges „Werkzeug“ ist auch hier ein – allerdings sympathisch gezeichneter – Krimineller namens Bruno Knolle, der zwischen die Fronten des Spionagekriegs gerät. Der in der Tradition von Alfred Döblins Franz Biberkopf47 stehende Knolle, der wegen Einbruchs und Safeknackerei in der Strafanstalt Brandenburg einge- sessen hat, wird kurz nach seiner Entlassung zum Instrument des SSD gemacht und durch einen Fluchttunnel in den Westen geschleust, mit dem Auftrag, eine zunächst nicht näher beschriebene Person zu entführen. Es ist SSD-Agent Wil- helm Bräsig, Spezialist für Verhöre, der Bruno im Auftrag des SSD-Chefs anweist, er solle einen „kleinen Dienst“ erledigen: „Drüben in Westberlin sitzt einer. Den sollen Sie uns herüberschaffen.“ (LV 111) Bräsig verspricht Knolle dafür, ihm einen lange gehegten Traum zu erfüllen: Er soll die Konzession für eine eigene Kneipe im Ostsektor von Berlin erhalten. Knolle reagiert jedoch ablehnend auf dieses Angebot, für ihn wäre dies „Menschenraub“, was Bräsig in folgenden Wor- ten abzuschwächen versucht: 44 N.N.: Der Menschenraub geht weiter. In: Arbeiter-Zeitung, 22.6.1948, S. 1. 45 N.N.: Das geheimnisvolle Haus in Baden. In: Arbeiter-Zeitung, 19.6.1948, S. 1. 46 Vgl. Stelzl-Marx: Verschleppt und erschossen, S. 25. 47 Vgl. Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. München: dtv 1980. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 592 15 Verschleppung und Menschenraub
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Title
Diskurse des Kalten Krieges
Subtitle
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2017
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Size
15.9 x 24.0 cm
Pages
742
Categories
Geschichte Nach 1918
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