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Auch spektakuläre Verschleppungsfälle auf österreichischem Boden wurden
immer wieder mit Spionage in Zusammenhang gebracht. Die Entführung des
Kriminaloberinspektors Anton Marek fiel mit dem 17.
Juni 1948 mitten in eine
der dramatischsten Phasen des Kalten Krieges, nämlich die Zweite Berlinkri-
se.48 Dies war auch der erste Fall, bei dem die sowjetische Besatzungsmacht
unmittelbar nach dem Verschwinden des Beamten zugab, dafür verantwortlich
zu sein, was zu der Annahme führte, dass „die vielen vorher unter geheimnis-
vollen Umständen verschwundenen Österreicher dasselbe Schicksal“49 erlitten
hatten. Marek war Anfang Mai 1945 einer der Hauptbeteiligten bei der Auffin-
dung der sogenannten „Gauakten“, die brisante Personaldokumente aus der
NS-Zeit enthielten. Marek war auch eine Schlüsselfigur bei der Auswertung die-
ser Akten, die jedoch vor dem kommunistischen Chef der Staatspolizei Heinrich
Dürmayer sowie der sowjetischen Besatzungsmacht geheim gehalten wurden.
Darüber hinaus überwachte Marek als Leiter der „Gruppe 5“, einem eigenen
Polizeikader des sozialdemokratischen Innenministers Oskar Helmer, Staatspo-
lizeichef Dürmayer. Zu Mareks Aufgaben zählte auch die Aufklärung von Ver-
schleppungsfällen sowie Informationen über sowjetische Erdölbetriebe in Ostös-
terreich einzuholen, was dem sowjetischen Geheimdienst nicht verborgen
blieb.50 Die Aktivitäten dieser Abteilung waren in erster Linie gegen die KPÖ
und die subversive kommunistische Tätigkeit gerichtet, weswegen einer von
Mareks führenden Mitarbeitern, Johann Kiridus, ebenfalls ein Opfer von Ver-
schleppung wurde. Der Grund für Mareks Verhaftung war die Anschuldigung,
als Spion für die US-amerikanischen Nachrichtendienste gearbeitet zu haben.
„Spionageverdacht war“, wie Gerald Stourzh zusammenfasst, „das häufigste
Motiv der ‚kidnappings‘“, er weist jedoch darauf hin, dass „es in der die Öffent-
lichkeit damals außerordentlich erregenden Entführungspraxis zahlreiche
unschuldige Opfer einschließlich Fälle von Verwechslung“51 gegeben hat.
In Internationale Zone ist Spionage gegen die Sowjetunion und ihre Satelli-
tenstaaten ebenso ein Grund dafür, aus den westlichen Besatzungszonen ver-
48 Vgl. N.N.: Ein Beamter des Innenministeriums verschleppt. In: Arbeiter-Zeitung, 19.6.1948,
S.
1; N.N.: Oberinspektor Marek von den Russen verhaftet. In: Arbeiter-Zeitung, 20.6.1948,
S. 1.
49 Fabius: Blick in die Zeit. In: Die Zeit 1 (1948) H. 5, S. 22, vgl. dazu auch N.N.: Spionage in
Oesterreich, S.
1–2, hier S.
2. „Aber halten wir fest: Das russische Blatt hat zum erstenmal zuge-
geben, daß das ‚Verschwinden gewisser Personen‘ – ‚zum wievielten Male schon‘ – auf das Kon-
to der Sowjetbesatzung zu buchen ist. […] Die ‚Österreichische Zeitung‘ belehrt uns, daß es
die Sowjetbehörden selbst sind, die das ‚Verschwinden gewisser Personen‘ veranlassen.“
50 Vgl. Knoll, Stelzl-Marx: Sowjetische Strafjustiz in Österreich, S. 294.
51 Gerald Stourzh: Um Einheit und Freiheit. Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der
Ost-West-Besetzung Österreichs 1945–1955. 5.,
durchges. Aufl. Wien, Graz, Köln: Böhlau 2005,
S. 141.
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594 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918