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apparats“55 zu unterdrücken. Dennoch wurden allein im Jahr 1948 insgesamt
169 Österreicherinnen und Österreicher verschleppt, verurteilt und in sowjeti-
sche Straflager und Gefängnisse deportiert. Ottillinger, die als „amerikanische
Spionin“ zur Höchststrafe von 25 Jahren Arbeitslager verurteilt wurde, begann
eine Odyssee durch den Gulag, die erst am 25.
Juni 1955 endete, als sie – schwer
krank – aus der Haft entlassen wurde und nach Österreich zurückkehrte. Ihre
Rehabilitierung im Jahr 1956 kann jedoch als einzigartig betrachtet werden.56
Nicht nur die sowjetische Besatzungsmacht wurde aufgrund der von ihr began-
genen „Verbrechen“ zunehmend kritisiert, auch die KPÖ sah sich Feindseligkei-
ten in der Bevölkerung ausgesetzt, nachdem bekannt wurde, dass auch Partei-
mitglieder an Verschleppungsaktionen beteiligt gewesen waren. Die „Verachtung
[der gesamten österreichischen Öffentlichkeit; Anm. d. Verf.] trifft die ganze
Kommunistische Partei“, wie die Arbeiter-Zeitung behauptete, „die sich durch
ihre Hörigkeit gegenüber fremden Befehlen unauflöslich in das Verbrechen ver-
strickt hat“. Und sie fand eine neue Auflösung für die Abkürzung KP, die „von
nun an Kopfjäger-Partei“ heiße.57
Eine besonders bizarre Konstruktion hinsichtlich der Verknüpfung von
Menschenraub und Spionage, die zeitgeschichtliche und mystische Elemente
vermischt, entwirft Richard Billinger im Theaterstück Donauballade, das im
Gasthof „Zur schönen Fähre“ an einem fiktiven österreichisch-tschechoslowa-
kisch-ungarischen Dreiländereck an der Donau gegenüber Bratislava angesiedelt
ist. Hier wird der dämonische Janos Tschamper, eine Figur, der Spionage, Men-
schenraub und Mord nachgesagt werden, am Ende des Stücks selbst Opfer einer
Verschleppung durch ein „volksdemokratisches Entführungskommando“58. Auch
hier stehen „Verschwundene“ im Zentrum der Handlung, wie der Sohn einer
Bahnwächterwitwe, der „vor Jahr und Tag […] verschleppt worden“ (DB 225)
ist. Ebenso wird ein junger ungarischer Flüchtling, der als Bierführer arbeitet,
sich im Verlauf des Stücks jedoch als exilierter Graf entpuppt, ein Opfer von
Menschenraub. In der Schlussszene geschieht dem Menschenräuber Tschamper
dasselbe, der Fährmann will ihn auf die andere Seite verschleppen und erschießt
ihn dann, als er zu flüchten versucht: „Er wollte es nicht anders haben. Uns ent-
rinnt niemand. Werden dem Toten das Geleite hinüber geben“, so der lakonische
Kommentar (DB 281).
Im Gegensatz zu den zuvor besprochenen Romanen ist Billingers Text weni-
ger an den tatsächlichen politischen Hintergründen der Verschleppung interes-
55 N.N.: Recht und Heuchelei. In: Österreichische Volksstimme, 27.11.1948.
56 Vgl. Karner (Hg.): Geheime Akten des KGB.
57 N.N.: Russische Bestätigung: Menschenraub auf Befehl. In: Arbeiter-Zeitung, 21.4.1951,
S. 1.
58 N.N.: Donau so flau.
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596 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918