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erlebte Zeitgeschehen mit Terror und Menschenraub hineinstellt. Für Weigel
zeugt es von Bednariks politischer Zurückhaltung, „wenn manches nicht beim
Namen genannt wird“, man ahne viel mehr, als man genau erfahre, „wer im Hin-
tergrund die Drähte zieht, von wem man wegen ‚Sabotage‘ zur Verantwortung
gezogen zu werden fürchtet.“68
Zum Verhängnis wird Adam, dass er aus Unachtsamkeit einen Unfall auslöst,
der einen Kollegen beinahe das Leben kostet und ihn dem Verdacht der Sabo-
tage aussetzt. Eine „Welle von Geraune [geht] durch OMEGA“, die „vor keinem
Ohr halt“ macht: „‚Sabotage! Sabotage! Sabotage
…!‘“ (OF 152). In der „B.[etriebs]
O.[rganisation]“ wird eine „Anklage zusammengebraut“ (OF 167), die schließ-
lich, – Adam befindet sich bereits auf der Flucht, weil er die Konsequenzen des
von ihm verursachten Unfalls fürchtet –, in dessen versuchter Verschleppung
endet. Für den Rezensenten des Tagebuchs, Wilhelm Tepser, entbehrt die Schil-
derung eines versuchten Menschenraubs freilich „jeder Glaubwürdigkeit“.69
Die zweite literarische Fassung des Vorfalls auf der Schwedenbrücke findet sich
in Dor/Federmanns Und einer folgt dem anderen. Der Journalist Alexander Lutin,
Ich-Erzähler und Protagonist des Romans, erhält an einem heißen Augusttag einen
Anruf, in dem ihm eine „aufgeregte Frauenstimme“ (EFA 34) mitteilt, dass an der
im britischen Sektor gelegenen Philadelphiabrücke „ein Auflauf um einen russi-
schen Jeep entstanden sei“ (Ebd.). Lutin geht zunächst davon aus, dass es sich um
einen Verkehrsunfall handelt, erkennt jedoch dann, dass zwei russische Soldaten
mit umstehenden Passanten streiten. Aus seinem Wagen heraus beobachtet er, wie
ein Soldat sich schließlich Platz macht, indem er mit seiner Maschinenpistole her-
umfuchtelt und auf eine Menschengruppe zueilt, aus deren Mitte er einen Mann
mit einem „blasse[n] Vogelgesicht“ (EFA 35) packt. Eine dicke Frau schlägt dem
Soldaten mit einer vollen Einkaufstasche die Waffe aus der Hand und der Mann
kommt frei. Lutin, der nun selbst versucht, sich zu der Gruppe um den bleichen
Mann durchzudrängen, kann diesem jedoch keine Fragen mehr stellen, weil eine
interalliierte Militärpatrouille eintrifft, die den Mann in Gewahrsam nimmt. Lutin
versucht die Vorgeschichte von den umstehenden Passanten zu erfahren:
Der Mann war ursprünglich in dem russischen Jeep gesessen. Aber als der Jeep
über die Brücke fuhr, hatte er begonnen zu schreien und um sich zu schlagen; in-
folgedessen war der irritierte Chauffeur gegen das Geländer gefahren. Der Mann
war aus dem Wagen gesprungen und hatte um Hilfe geschrien. Sogleich rotteten
sich einige Passanten zusammen und hinderten die Russen, ihn in den Wagen
zurückzuzerren. (EFA 35)
68 Hans Weigel: Ein bedingt utopischer Roman. In: Die Neue Zeitung, 26.9.1954.
69 Wilhelm Tepser: Der Schlurf und der schöpferische Arbeiter. In: Tagebuch 10 (1954) H. 24,
4.12.1954, S. 8. Empörte Passanten: Das Volk wehrt sich 601
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918