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rikanischen Sender „Rot-Weiß-Rot“.82 Als der Ehemann der Protagonistin, der
als „Öl-Fachmann“ einen Auftrag der USIA „zur Begutachtung eines neuer-
schlossenen Ölgebietes“ (WV 46) angenommen hat, der ihn in den sowjetisch
besetzten Teil Österreichs führt, nicht am selben Tag zurückkehrt, ist sie davon
überzeugt, dass er verschleppt worden ist (vgl. WV 47). Sie wendet sich darauf-
hin verzweifelt an die Freunde ihres Mannes, die alle in mehr oder weniger ein-
flussreichen politischen Positionen gelandet sind und erwartet sich von ihnen
Hilfe und Aufklärung, wird aber von allen vertröstet. Interessanterweise gehen
aber alle von einer Verschleppung als wahrscheinlichster Erklärung für das Ver-
schwinden des Geologen aus, auch wenn sie deren Konsequenzen unterschied-
lich einschätzen. Ein Ministerialbeamter verdächtigt seinen Freund sogar expli-
zit: „Aber so ganz ohne Grund holen die auch niemand …“ (WV 51) Dagegen
schwächt ein anderer ab, indem er feststellt: „da sind Leute noch nach Wochen
herausgekommen, und die Sache war völlig harmlos“. (WV 54) Auch der Chef-
redakteur einer Zeitung ist nicht bereit, in dieser Sache aktiv zu werden, denn
er möchte „auf keinen Fall die allgemeine Hetze mitmachen“ (WV 58). Am
nächsten Tag kommt der verloren geglaubte zurück, er ist nicht verschleppt wor-
den, sondern nur in einer Schneewechte stecken geblieben. Dass ihn seine Freun-
de im Stich gelassen und keinen Finger gerührt haben, davon erzählt ihm seine
Frau nichts.
Mit diesem kurzen Text nehmen Merz und Qualtinger nicht nur die zeitge-
nössische Russen- und Verschleppungsparanoia aufs Korn, sondern auch den
Opportunismus und den Mangel an Zivilcourage vieler Österreicherinnen und
Österreicher. Nicht jede Person, die auf österreichischem Boden plötzlich nicht
mehr auffindbar war, wurde Opfer einer Verschleppung. Angesichts der vielen
Berichte über Fälle von Menschenraub in den österreichischen Medien entstand
ein unverhältnismäßiges Bedrohungsbild, das suggerierte, dass jeder jederzeit
Opfer einer Verschleppung werden konnte.
Diese verbreiteten Ängste ließen sich auch für ganz persönliche Zwecke zu
Nutze machen, wie das eine Figur in Robert Neumanns Roman Die dunkle Sei-
te des Mondes vorführt, der in einem nahe der Grenze zu den Volksdemokratien
gelegenen Dorf in Österreich angesiedelt ist. Hier stellt sich die scheinbare Ver-
schleppung einer Figur als ein Lügengespinst heraus, welches von der angeblich
„Verschleppten“ selbst in die Welt gesetzt wird und das den Protagonisten Andreas
Wirz, einen ehemaligen Gulag-Häftling, in große Schwierigkeiten bringt. Eines
Morgens wird er von einem Polizisten geweckt, der ihm mitteilt, dass er bei der
„Aufklärung von einer gewissen Sache“ (DSM 155) vom Untersuchungsrichter
82 Der Titel und das zentrale Narrativ sind einem Ende 1954, Anfang 1955 in die Kinos gekom-
menen österreichischen Film von Karl Hartl entnommen, der mit Stars wie Paula Wessely,
Attila Hörbiger, Josef Meinrad und Willi Forst besetzt war. Der falsche Verdacht 609
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918