Page - 612 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Zeitraum der hier vorgelegten Analyse steht eine Beschäftigung mit der Litera-
tur der zwei weiteren Dekaden des Kalten Krieges von 1967 bis 1989/90 noch
aus. Komplementäre Studien könnten an die dargestellten Diskursmuster und
-formationen anschließen, ihre weiteren Transformationen verfolgen, ihre Ampli-
fizierung oder auch ihr Verstummen. Darüber hinaus lassen sich wohl auch eine
Reihe neu auftauchender Diskurs-Formationen sowie eine Reihe neuer literari-
scher Verarbeitungsformen identifizieren.
Weiters ist zu hoffen, dass die vorliegende Studie einen generellen Impuls für
die Beschäftigung mit nicht-kanonischer Literatur gibt, indem sie zeigt, wie
fruchtbar die Beschäftigung damit für kulturwissenschaftliche bzw. literaturhis-
torische Fragestellungen sein kann. Nicht nur, dass darin Themen verhandelt
werden, die in der kanonisierten Literatur keine Rolle spielen, gibt sie auch einen
realistischeren Blick auf den Literaturbetrieb und das literarische Feld einer
bestimmten historischen Phase. Abgesehen davon lassen sich noch immer inte-
ressante Texte entdecken, die in den Literaturgeschichten nicht verzeichnet sind.
Für den hier zur Debatte stehenden Zeitabschnitt böten etwa die in diversen
Zeitungen und Zeitschriften abgedruckten Fortsetzungsromane einen lohnens-
werten Untersuchungsgegenstand. Oft war das eine lukrative Publikationsform
für Texte, die von den Buchverlagen abgelehnt worden sind.
Ein weiteres Forschungsfeld zeichnet sich in der Untersuchung der Beziehun-
gen und Einflüsse zwischen den Institutionen der Besatzungszeit bzw. des Kalten
Krieges und dem Literaturbetrieb ab. So wären etwa die konkreten Kontakte zwi-
schen Besatzungsmedien, kulturellen Förderprogrammen, einzelnen Schlüssel-
figuren und Schaltstellen auf US-amerikanischer wie sowjetischer Seite mit öster-
reichischen Autorinnen und Autoren noch genauer zu untersuchen und es wäre
die Frage zu stellen, welche Auswirkungen das auf deren Arbeit als Schriftstelle-
rinnen und Schriftsteller gehabt hat. Joseph McVeigh hat das am Beispiel Inge-
borg Bachmanns in Wien durchgeführt,2 auch zu Friedrich Torberg und Hans
Weigel liegen bereits diesbezügliche Arbeiten vor bzw. sind im Entstehen.3 Der-
artige Studien wären sicherlich mit Gewinn weiter auszubauen.
Die Prozesse des Vergessens von Autorinnen und Autoren und deren Werken
weisen auch auf ein strukturelles Problem des österreichischen Literaturbetriebs
hin. So publizierte eine beträchtliche Zahl an kommunistischen Schriftstellerin-
nen und Schriftstellern, die in Österreich den politischen Status von personae non
2 Joseph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien. 1946–1953. Berlin: Insel 2016.
3 Vgl. Axmann: Friedrich Torberg; Tichy: Friedrich Torberg; Wolfgang Straub (Hg.): Hans Wei-
gel: Kabarettist, Kritiker, Romancier, Literaturmanager. Innsbruck, Wien: Studienverlag 2014.
Vgl. dazu auch das von Wolfgang Straub geleitete Forschungsprojekt „Die Schaltstelle Hans
Weigel. Netzwerke, Konflikte, Positionierungen im Feld der österreichischen Nachkriegslite-
ratur.“ (http://www.hans-weigel.at/, zuletzt aufgerufen 14.6.2016).
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612 Ausblick
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918