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Ladislaus Rosdy: Richter des eigenen Ichs. In: Die Furche, 26.5.1962.
Erika Wögerer: Innere Emigration und historische Camouflage in Österreich. Zum Widerstand-
spotenzial in den historischen Romanen von Rudolf Henz. Frankfurt/M., Wien [u.a.]: Lang
2004.
Ernst Hinterberger
geboren am 17.10.1931 (Wien), gestorben am 14.5.2012 (Wien).
Hinterberger stammte aus einer sozialdemokratischen Wiener Arbeiterfamilie. Neben
seiner beruflichen Tätigkeit (u.a. als Fabrikarbeiter, Sicherheitswachbeamter und Elekt-
riker), befasste er sich im Eigenstudium mit Literatur. In seiner Jugend war er Mitglied
bei der „Freien Deutschen Jugend“ und der HJ. Nachdem er 1945 kurzzeitig dem „Kom-
munistischen Jugendverband“ (KJV) beigetreten war, wurde er Mitglied bei der „Freien
Österreichischen Jugend“ (FÖJ), einer überparteilich konzipierten, antifaschistisch ori-
entierten Jugendorganisation, die am 16.5.1945 gegründet worden war. Nachdem auch
die Jugendverbände der Parteien wieder ihre Tätigkeit aufgenommen hatten, galt die FÖJ
in ihrer weiteren Entwicklung als zunehmend kommunistisch geprägt, bis 1968, nach
dem „Prager Frühling“, ein offizieller Bruch mit der KPÖ erfolgte. Anfang der 1950er-Jah-
re erfolgte Hinterbergers Abkehr von der Organisation. In seiner 2002 erschienenen
Autobiographie Ein Abschied geht er auf die Kritik von ehemaligen Kollegen der FÖJ ein,
die ihn mit dem Beginn seiner Ausbildung in der Polizeischule 1952 als potentiellen Ver-
räter angesehen hatten. Hinterberger beschreibt sich selbst in seiner Autobiographie als
naiven junger Mann, der sich in der Nachkriegszeit aus opportunistischen Gründen dem
Kommunismus zuwandte.
Ab den 1950er-Jahren erfolgten erste literarische Veröffentlichungen, darunter Gedich-
te, Dramen und Volksstücke. Hinterbergers erster Roman Beweisaufnahme erschien 1965
im Zsolnay Verlag. Das Buch handelt von einem österreichischen Angestellten, der aufgrund
einer über ihn angelegten Spitzelakte zu einem staatlichen Verhör vorgeladen wird. Thema-
tisiert wird Wehofers Verhalten gegenüber Juden, das Verhältnis zu den Kommunisten und
sein politischer Opportunismus. Im Lauf des Verhörs wird ihm die Macht parteipolitischer
Vereinnahmung bewusst. Johannes Mario Simmel hat Hinterberger zu seinem ersten Roman
gratuliert. Hinterberger erinnert sich jedoch prinzipiell an die ablehnende Haltung des
österreichischen Literaturbetriebs, er wurde als „Prolet“ stigmatisiert.
Hinterbergers Werke sind vor allem im Wiener kleinbürgerlichen Milieu angesiedelt.
Er schrieb Hörspiele, Drehbücher und wurde durch die Fernsehserien Ein echter Wiener
geht nicht unter und Kaisermühlen-Blues bekannt. Ab den 1980ern verfasste er mehrere
Kriminalromane.
Bis 1991 war er neben seiner literarischen Tätigkeit als Expedient in der Metallwaren-
fabrik W.
A. Richters Söhne in Wien tätig. Er war Mitglied im österreichischen PEN-Club
und wurde mit dem Förderungspreis der Stadt Wien (1971), dem Anton-Wildgans-Preis
(1974), dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (1994, 2002) sowie
dem Axel-Corti-Preis (2010) ausgezeichnet.
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636 Autorinnen- und Autorenlexikon
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Title
- Diskurse des Kalten Krieges
- Subtitle
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 742
- Categories
- Geschichte Nach 1918