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42 SchreibenzwischenAufbruchundUntergang
ihresalten,kranken,verhungertenKörperskommennochdieQualen,Beschimpfungen
anzuhören,Rohheitenzuerdulden,undihrMartyriumistohneGrenzen.107
WiedieseBeispiele zeigen, passt sichFeldmannalsoderAusrichtung ihres
jeweiligenPublikationsorgans anundbezieht jüdischeThemenzwar, so sie
derLiniedesBlattes entsprechen, sporadischmit ein; ihre– inHinblickauf
ihrGesamtwerk–generelleZurückhaltunggegenüberder jüdischenThematik
korrespondiertabermitdervonLisaSilvermanausgemachtenTendenz,dass
vieleJuden,fürdiederSozialismusnachdemZerfallderHabsburgermonarchie
dieeinzigemöglicheAlternativezuanderenpolitischenStrömungendarstell-
te (unter ihnenvielepassionierteAnhängerdesRotenWien), ihr Judentum
entwederherunterspieltenoderverleugneten.108
Die jüdischeAngstvoreinernationalenIdentifikationangesichtsnachdem
ZerfallderHabsburgermonarchiezunehmenderantisemitischerTendenzen
sowie dieHoffnung, inder Sozialdemokratie eineuniverselle,weniger aus-
grenzendeKulturzufinden,dieRaumfürunterschiedlichstarkausgeprägte
VerbundenheitmitderjüdischenTraditionließe,machtSilvermanalstreibende
KrafthinterdemsozialdemokratischenReformprogrammaus,andemJuden
ingroßerZahlbeteiligt sind:
ManyJewstransformedtheirpost-Habsburgdoubtsandconfusionabouttheirnewpre-
carious position in thenation into apassion forAustrian SocialDemocracy, hoping it
wouldprovideauniversal, inclusiveculture, thatcouldoverlapwiththevaryingdegrees
ofadherence toaJewishbackgroundthat itsmemberssought.109
DemnachistwohlauchElseFeldmannsBegeisterungfürdieSozialdemokratie
u. a. auf ihre jüdischeIdentitätzurückzuführen.
Schwerpunkt indersozialdemokratischen(Kultur-)Politikder1920er Jahre
ist dasKonzept der ‚Bildung‘, dem imJudentumnichtnur imHinblick auf
dieReligion, sondernaufgrundseinerKlassen-undnationaleUnterschiede
überwindendenKraftuntersäkularen,akkulturiertenJudeneinbedeutender
Stellenwertzukommt.DieseswirdvondenSozialdemokraten,woJudeninder
ZwischenkriegszeitnichtnuraufMitgliedsebene, sondernvoralleminführen-
denPositioneneinewichtigeRollespielen,110alsMittelzurVolkserziehungund
EmanzipationderArbeiterklassehochgehaltenundin ihrReformprogramm
implementiert.Unter ihnenauchderMitbegründerder ‚Sozialdemokratischen
Kunststelle‘,diesichdiekünstlerischeVolkserziehungzumProgrammgemacht
107 Dies.:Die JudeninLainz. In:WienerMorgenzeitungNr.:895.24.07.1921.S. 4–5.Hier:S. 4.
108 Vgl.:LisaD.Silverman:TheTransformationof JewishIdentity inVienna.O.
a.: S. 40.
109 Vgl.: ebd.:S. 41.
110 Z. B.:OttoBauer,VictorAdler,HugoBreitner, JuliusTandler.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Title
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Subtitle
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Author
- Elisabth H. Debazi
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Size
- 15.8 x 23.4 cm
- Pages
- 306
- Keywords
- L
- Category
- Biographien