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Tagebuch 1938/1
Nach zu kurzer Nacht brachen wir heute früh zu Michelson in d. Atelierhaus d.
Rue Washington auf. Seine Bilder sind unerfreulich, d. Tizian aber ein sehr packen-
des Bild, das d. Nachteile, die d. Photogr[aphie] anzudeuten schien, nicht besitzt.
Es ist viel farbiger u. reicher, wirkt darum auch nicht so früh wie auf d. Photo. Es
ist ein so exzeptionelles Werk, so ganz anders als alles sonst, wirklich so, daß man
sagen müßte „wenn nicht Tizian so Raffael“. Wir lunchten chez Fouquet phantas-
tisch gut als seine Gäste u. stürzten dann
heim, wo wir sehr bald darauf d. Besuch
d. Advokaten Bataille aus Lille emp-
fingen, der uns das Dürerverdächtige
Bild d. Dornen-gekrönten zwischen d. 3
Schergen mitbrachte. Das Wappen auf
d. Rückseite war inzwischen mit dem d.
Mat th[äus] Lang identifiz[iert] worden,
was bekanntl[ich] auch mit d. Wappen
d. Spengler übereinstim[mend] ist). Dü-
rer ist es nicht, aber ein sehr malerischer
Künstler den Hans immer noch am
liebsten mit einem späteren Wolf Hu-
ber gleichsetzen möchte. Wir erbaten
uns, als Revanche f. gehabte u. künftige
Mühen, die voriges Jahr in Lille verpatz-
ten Photos machen zu lassen u. gingen
zu Rouchès, um Arbeitszeit etc. zu be-
sprechen. Schließlich sind in d. G[alerie]
d[es] B[eaux-] A[rts] wo wir unser Ma-
nuskript bei Mlle Rubinstein ergänzten
u. uns d. Besprechung A. L. Mayers d.
Tizian ausbaten. Die scheint zum Appetit verderben f. einige Mahlzeiten ausreichend.
Zuhause fand ich einen Riesenrosenbuschen von M. Bataille vor, den ich abends zu
Mimi Floch bringen will.8
25. [Jänner] 7h abends.
Wir warten auf Edel u. Filippa. Der Abend bei Floch
– ohne Kind
– wie jeder abend
bei ihm. Er ist vielleicht ein wenig weniger zerworfen mit sich u. d. Welt, obwohl die
Niederlegung d. „Präsidentschaft“ (am 1. I.) natürlich eine tief einschneidende Sa-
che war, die diskutiert werden musste. Ein gewisser Goebel hat den noch gewisseren
Kleophas Bogailei als Nazi denunziert, um Unfrieden zu stiften. Bogailei hat eine
Erklärung abgegeben, dass er keineswegs Nazi wäre
– sollte man da nicht jenen Goe-
bel, den der neue Präsident (Archit[ekt] Bauer) zum Schriftführer genommen, zur
Abb. 49 : Josef Floch, der Maler, und Ehefrau Mimi.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien