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Tagebuch 1938/1
1500, ein Festzugswagen mit Amorosen-Szenen u. Aufschr[ift] [„]istorie di venere
di marmo ed dipinte[“] in schöner gleichzügiger Schrift. Nach seiner Mei n[un] g
Filippino Lippi
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Wir haben ihm Burgs Adresse gegeben. Es war reizend bei d. alten tauben Herren,
besser : es wäre reizend
… gewesen, wenn es nicht so phantastisch kalt oben gewesen
wäre, daß wir nachher einen Dauerlauf machen mußten u. ich jetzt im Bett unter d.
Eiderdecke liege, um wieder auf gleich zu kommen.
24. [Februar]
Der Tag rollt sich schon nach Schablone ab. Es kamen d. Photos vom Vict[oria]
+ A[lbert] Mus[eum]. Wir arbeiten vormittag im Louvre, nach Tisch in d. Éc[ole]
d[es] B[eaux-]A[rts], wo wir durch d. ital[ienischen] Bestände durchkamen u. eini-
ges zum Photogr[aphieren] auswählten. Nachher gingen wir in d. G[azette] d[es]
B[eaux-]A[rts] mit d. Duvetzeichn[ung] u. zum Rendez-vous mit Floch, das er uns
in d. Ausstell[ung] Tischlers gegeben hatte. Die war nicht anders, als wir sie uns vor-
gestellt hatten. An einem Bild steckte d. Zettelchen „vendu“, aber Floch sagte uns,
daß es mehr zum Animieren dort steckte. Er ist in eine merkantil ungünstige Zeit
hineingekommen. Wir blieben nicht lang, gingen eine späte Jause essen, die uns für
d. „Marseillaise“ (von 7 bis fast 10h) fit machte. Das ist der gerade aufgetane Film
von J[ean] Renoir, den das Volk selbst durch im vorhinein gezahlte Plätze finanziert
hatte. Es war leider nicht so gut, wie wir es erwartet hatten u. in Anbetracht d. teu-
ren Plätze erhofft hatten (20 fr !). Es war sehr schön zum Anschauen, vor allem d.
landschaftl[ichen] Aufnahmen u. Renoir selbst als König hat wundervoll gespielt, aber
sonst wars ganz unnötig lang. Am Boul[evard] St. Michel in einem Caférestaurant
im Souterrain genachtmahlt. Ganz voll auf rotschreienden Lederbänken, unter gan-
zen Kurven vor schreiendem Licht ein schreiendes Publikum – an d. Wänden eins
neben dem anderen Aquarien. Darin durch d. dicke Glas ganz isoliert selbstbefrie-
digte Fische. Zwei Welten u. keine kümmerte sich um d. andre. Floch aber quälend
bohrend.
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Heut früh kam ein Brief v. d. Kalat mit Aufklärungen über Taylors Schweigen.
Hans ging dann zu d. Amerikanern u. traf mich um 10 im Louvre wo auch d. Giulio
Romano Mann Hartt schon im bloßen Hemd
– ein Amerikaner
– photogr[aphierte].
Während Hans photogr[aphierte] u. ich assistierte, schauten wir auch noch weiter flo-
ren t[inische] Z[eichnung]en an, die uns nichts angingen. Nach Tisch machten wir alle
Aufnahmen in d. Éc[ole] d[es] B[eaux-]A[rts], trennten uns dann, ich ging nachhaus
mit d. Photogr[aphien-]Koffer, am Weg noch mich mit einer Schokol[ade] labend.
Hans fuhr zur „Alpina“ einem Buchverlag, wo er sich wegen eines Reisebuchs Anato-
lien für Anderl erkundigen will. Edel u. Filippa holen uns
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien