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Tagebuch 1938/1
u. über d. Arno hinausgeträumt, halb Nachmittags-
schlaf halb Abschiedsstimmung, still. Die Ufer sind
dort ganz schlampig, Bodenwellen, die unregelmä-
ßig ins Wasser vordringen, hinter Vorstadthäuser,
gelb mit grünen Jalousien. Brentakanalstimmung ;
Zurück auf schmalen Weglein ganz unten am Fluß,
wo die vornehmen Cascine gar nicht mehr zu sehen
sind. Bei Ognissanti eingekehrt, gerade als sie d. Tor
aufschlossen. Wie merkwürdig erratisch hergescho-
ben wirken dort d. beiden Fresken von Bottic[elli] u.
Ghirland[aio]. Zuhause noch einmal d. Z[eichnun-
g] en von Asta durchgesehen, gepackt
…112
26. [April] früh.
Anderls Geburtstag. Er lebe hoch ! Ach, so hoch !
Bologna. Wir sind gestern abend angekommen. Den
letzten Tag in Florenz haben wir zumeist im Institut verbracht, wo wir uns um
Tiepolo z[eichnung]en u. um d. frühen Michelangelo umsahen. Wir zeigten d. Rus-
selrelief d. Kriegbaum, der genau so wie wir davon stark impressioniert war, genau
so wie wir datiert, aber auch zu starke Hemmungen hat, einen Vor-Frühstil an-
zunehmen, der durch ein nicht beglaubigtes Stück repräsentiert werden soll. Dr.
Oertel (der d. Photos unter sich hat) zeigte uns ein deutsches Bild aus d. Galerie
Ferroni in d. Via Faenza, das wir uns am Nachmittag ansahen. Auf d. Photo hieß
er glatt Albrecht Dürer, in Wirklichkeit ist es ein sehr gutes Bild, kein Dürer. Es
sieht viel dreidimensionaler aus als auf d. Photo. Sonst war in d. Galerie das meiste
unerfreulich. Eine kleine Kopie nach Muzianos Kreuztragung in Orvieto als – Al-
lori ; eine harte Venus in Landsch[aft], ähnl[ich] postiert wir jene Continis heißt
nur anon[ym] toskanisch vor 1662. Ob Hans nicht recht hat, daß jene bei Contini
von Canlassi ist ? Contini wollte 10.000 Lire für die überzeugende Zuschreibung d.
Bildes geben. Ob er diese Summe auch für Canlassi geben will ? (Hadeln hatte sie
Sebastiano ! genannt). Am American Express, wo wir unsre Adresse (Milano) an-
gaben, fanden wir eine Karte von Georg u. einen – viel importanteren ! – Brief von
F[iske] Kimball vor. Danach wäre d. Universit[ät von] Philadelphia bereit u. Kim-
ball hat sich mit Hans’ Brief an d. Unterstütz[ungs]fonds für Deutsche Gelehrte
in N[ew] Y[ork] um eine finanzielle Ergänzung gewendet. Dieser Brief im letzten
Augenblick war eine große Aufmunterung. Auf d. Bahnhof war Mrs. Hartley mit
Blumen u. d. Santifallerin Abschied winken. Ein Neophyt […] verfrachtete unser
Gepäck so ungeschickt, daß die beiden größten Stücke uns auf den Schoß fielen.
Zur Versöhnung schenkte ich die Blumen d. Dame d. einen Betroffenen. Wem wird
diese sie weiterschenken ?
–113 Abb. 70 : „Reborn Hellenism“ – „Russel-Relief“.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien