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Tagebuch 1938/2
Die Arbeit im Louvre und im Kunsthist[orischen] Institut in d. Rue Michelet ist
unsere Außer-Haus-Beschäftigung. Halbtägig sind wir in unserem Appartement u.
haben schon einiges gefunden. (Z. B. eine Tizian-Zeich[nung] Löwe von d. „fede“,
die in R’dam als Bassano liegt … eine Landschaft auch aus R’dam die die Natur-
studie zu d. einen Allington-Giorgione ist u. Perspektiven eröffnet …). Es hilft uns
dabei unsere Spezialbibl[iothek], die die Santifallerin nach Venedig gerettet hat u. die
von dort mit allen unseren Kleidern angekommen ist. Stoffels job hat durch einen
sehr ausführlichen Brief nähere Details bekommen ; ist wohl die größte Freude, die
uns in dieser Richtung zuteilwerden konnte. Ein erschreckendes Ereignis war der
Selbstmord von Tante Anna am Tag vor ihrem Geburtstag. Näheres darüber haben
Gustav u. Lu erzählt, die auch in diesem Oktober durchreisten. Wir waren öfter mit
Popham zusammen, der uns zum Tee u. Nachtmahl einlud. (Wir haben ihm dafür
eine Z[eichnung], die er als venezianisch kaufen wollte, als Arbeit Giuseppe il Sozzo’s
bestimmt (es stand drauf, er hats nur falsch gelesen), der Palermitaner ist). Auch mit
Beneschens, die viel von Wien erzählten. Er ist phantastisch liebenswürdig (glaubt
von Hans’ Gunst in USA abhängig zu sein) u. Eva die mich anderthalb Jahre lang
in d. Albertina nicht mehr gekannt hat, ist so „herzlich“, daß es nur so Zucker tropft.
Ach so viele Emigranten ! Z. B. der Maler Kohl ; Franzens Vetter der junge Leder-
arbeiter (heute Arbeiter in Wein Großhändler) Walter Ettinger ! Sie kommen illegal
über die Grenze, werden „ausgewiesen“ u. bleiben schließlich doch irgendwie. Fritzi
Hohenberg mit Mann u. Tochter Claudi. Wir sind kaum einen Abend allein.
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Gestern früh bin ich nach Bayonne herunter gefahren. Das ist eine sehr lange
Fahrt, elf Stunden. Der Zug war voll, die Menschen, je weiter man in d. Süden kam,
desto lauter. Ja, es ist wirklich so ; in Paris war ein Sergant mit Frau u. zwei kleinen
Buberln eingestiegen, die viele Stunden still, schläfrig u. wie angeteppt herum saßen.
Eine Stunde nach Poitiers stieg ihre Großmutter dazu, die das R schon mächtig rollte.
Sie war so laut u. fahrig, daß ich kaum neben ihr sitzen konnte. Und wie hat sie die
Buben angesteckt ! ! ! Ein Magazin, das sie bis dahin schweigsam geblättert hatten,
wurde zusammengerollt u. als Trompete benützt ! u. s. w.
…
Das Hôtel ist noch nicht geheizt, das Zimmer aber – ohne Sonne – recht unge-
mütlich. Aber dieses süße tiefblaue Licht schon am frühen Morgen ! Kein Nebel –
Ich hab am Vormittag u. Nachmittag im Musée Bonnat gearbeitet, das sind ja ganz
außerordentliche Venezianer ! Nicht nur d. Dürers oder die Raffaels, Michelangelos
u. d. franz[ösische] XIX. hat diese überragende Qualität. Schließlich sind mehrere
Gio v[anni] Bellini-Verdächtige, der Cariani (hier Giorgione) zwei ausgezeichn[ete]
Tizianlandsch[aften], u. so viele wirklich faszinierende – noch – Anonyme. Der Vi-
centino (Lepanto) richtig bestimmt, ist d. beste Vicentinozeichn[ung], die wir haben.
Als ich Mittag nachhaus kam, lag eine Karte vom H[ans] für mich da. Ich hatte so
konzentriert gearbeitet, war noch so ganz drin, hatte überhaupt nicht gedacht, daß
so schnell eine Nachricht da sein könnte, daß zu d. Freude über d. Inhalt auch noch
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien