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Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Seite - 327 -
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327 Tagebuch 1938/2 Die Arbeit im Louvre und im Kunsthist[orischen] Institut in d. Rue Michelet ist unsere Außer-Haus-Beschäftigung. Halbtägig sind wir in unserem Appartement u. haben schon einiges gefunden. (Z.  B. eine Tizian-Zeich[nung] Löwe von d. „fede“, die in R’dam als Bassano liegt  … eine Landschaft auch aus R’dam die die Natur- studie zu d. einen Allington-Giorgione ist u. Perspektiven eröffnet  …). Es hilft uns dabei unsere Spezialbibl[iothek], die die Santifallerin nach Venedig gerettet hat u. die von dort mit allen unseren Kleidern angekommen ist. Stoffels job hat durch einen sehr ausführlichen Brief nähere Details bekommen ; ist wohl die größte Freude, die uns in dieser Richtung zuteilwerden konnte. Ein erschreckendes Ereignis war der Selbstmord von Tante Anna am Tag vor ihrem Geburtstag. Näheres darüber haben Gustav u. Lu erzählt, die auch in diesem Oktober durchreisten. Wir waren öfter mit Popham zusammen, der uns zum Tee u. Nachtmahl einlud. (Wir haben ihm dafür eine Z[eichnung], die er als venezianisch kaufen wollte, als Arbeit Giuseppe il Sozzo’s bestimmt (es stand drauf, er hats nur falsch gelesen), der Palermitaner ist). Auch mit Beneschens, die viel von Wien erzählten. Er ist phantastisch liebenswürdig (glaubt von Hans’ Gunst in USA abhängig zu sein) u. Eva die mich anderthalb Jahre lang in d. Albertina nicht mehr gekannt hat, ist so „herzlich“, daß es nur so Zucker tropft. Ach so viele Emigranten ! Z.  B. der Maler Kohl ; Franzens Vetter der junge Leder- arbeiter (heute Arbeiter in Wein Großhändler) Walter Ettinger ! Sie kommen illegal über die Grenze, werden „ausgewiesen“ u. bleiben schließlich doch irgendwie. Fritzi Hohenberg mit Mann u. Tochter Claudi. Wir sind kaum einen Abend allein.  –48 Gestern früh bin ich nach Bayonne herunter gefahren. Das ist eine sehr lange Fahrt, elf Stunden. Der Zug war voll, die Menschen, je weiter man in d. Süden kam, desto lauter. Ja, es ist wirklich so ; in Paris war ein Sergant mit Frau u. zwei kleinen Buberln eingestiegen, die viele Stunden still, schläfrig u. wie angeteppt herum saßen. Eine Stunde nach Poitiers stieg ihre Großmutter dazu, die das R schon mächtig rollte. Sie war so laut u. fahrig, daß ich kaum neben ihr sitzen konnte. Und wie hat sie die Buben angesteckt ! ! ! Ein Magazin, das sie bis dahin schweigsam geblättert hatten, wurde zusammengerollt u. als Trompete benützt ! u. s. w.  … Das Hôtel ist noch nicht geheizt, das Zimmer aber  – ohne Sonne  – recht unge- mütlich. Aber dieses süße tiefblaue Licht schon am frühen Morgen ! Kein Nebel  – Ich hab am Vormittag u. Nachmittag im Musée Bonnat gearbeitet, das sind ja ganz außerordentliche Venezianer ! Nicht nur d. Dürers oder die Raffaels, Michelangelos u. d. franz[ösische] XIX. hat diese überragende Qualität. Schließlich sind mehrere Gio v[anni] Bellini-Verdächtige, der Cariani (hier Giorgione) zwei ausgezeichn[ete] Tizianlandsch[aften], u. so viele wirklich faszinierende  – noch  – Anonyme. Der Vi- centino (Lepanto) richtig bestimmt, ist d. beste Vicentinozeichn[ung], die wir haben. Als ich Mittag nachhaus kam, lag eine Karte vom H[ans] für mich da. Ich hatte so konzentriert gearbeitet, war noch so ganz drin, hatte überhaupt nicht gedacht, daß so schnell eine Nachricht da sein könnte, daß zu d. Freude über d. Inhalt auch noch
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Erica Tietze-Conrat Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
Titel
Erica Tietze-Conrat
Untertitel
Tagebücher
Band
II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Herausgeber
Alexandra Caruso
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79545-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
346
Kategorie
Biographien
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