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Tagebuch 1938/2
d. Freude über d. Karte kam ! Ich hab dann gleich meine Ankunft für Morgen schon
dem H[ans] telegraphiert. – Nach endlosem Suchen hab ich in einem Ersten Stock
Restaurant ein Prixfix 12 fr gefunden. „Comment voulez-vous les œufs ?“ hat mich d.
infantil schlanke Kellnerin gefragt. Sie hat
– wie d. Frage auch
– schon ganz spanisch
ausgeschaut.49
6. Dezember.
Heute wieder ein wichtiger Tag. Wir haben am amerik[anischen] Konsulat unsere ap-
plication gemacht u. sollten schon am Nachmittag d. Visum abholen. (Machen’s aber
erst morgen.) Das ist ein Schritt weiter. Trotz alledem – bin ich verstimmt. Es ist als
hätte ich zwischen mich u. Anderl eine unüberbrückbare Distanz gelegt. Natürlich ist
es ein Unsinn, denn wenn wir drüben sind, können wir ihn leichter holen als von hier
aus. Dennoch – Von Wien tropfen d. Nachrichten langsam. Der Hausverkauf ist in
1. Instanz genehmigt. Das ist gut. Aber d. Pension ist zum erstenmal nicht ausgezahlt
worden. Mich quält es, daß Therese zu allem Kummer noch die Sorge hat. Baron
Oppenheim, der „Präsident der Museumsfreunde“ hat sich d. Leben genommen. Der
Architekt Breuer ist auch tot. Hofrat Schlosser ist tot (der aber sicher ganz normal).
Trude ist zu Stoffel nach Baltimore. Anderl ist Lektor geworden. Gustl noch immer
jenseits d. Grenze, dafür Ribbentropp heute in Paris. Ja, das hängt zusammen. Unsre
Arbeit geht ganz gut, aber jetzt sind wir doch ungeduldig nach England zu kommen,
denn mit d. Visum im Paß ist unsere Zeit in Europa beschränkt. Frau Dolly ist in
England, weil ihre Schwester schwer erkrankt ist. Ich hab ein gutes Buch gelesen : Les
Musiciens du Ciel (von Lefèvre). (Ein Heilsarmeebuch eigentlich, aber es hat nichts
zusagen).50
22. Dezember.
Wir haben endlich – gestern – unser Permit f. England bekommen u. daraufhin das
Visum ! Es scheint auf Drängen Maclagans hin geschehen zu sein, mit dem wir vor
paar Tagen hier zusammen waren. Nächsten Mittwoch wollen wir reisen. Die uner-
wartete Kälte hier macht d. Aufenthalt ohnedies ungemütlich – aber wird es in Lon-
don nicht noch ärger sein ? ! Unsre Arbeit steht sehr gut. Der Besuch bei Hevesy war
außerordentlich anregend, wir haben ihm manches sagen können u.
– als besonderen
Gewinn – d. Vorzeichn[ung] zu Giulio Campi’s Ganymed bei ihm vorgefunden, die
allerdings eine andre Landsch[aft] hat u. wegen dieses Umstands von Hadeln Bellini
gegeben wurde. Er war freigiebig mit Photos u. wird
– hoffentlich
– weiter noch frei-
gebig sein. Eine im Louvre von Linzeler Barbari geg[ebene] Helenaröthelzeichn[ung]
konnten wir für einen mailänd[er] Bildhau[er] Angelo De Marinis sicherstellen, was
ein wirkliches Positivum ist. Eine ungemein u. nachhaltig packende Z[eichnung], die
unter d. Giulio Romanos lag, mutete uns sofort als oberital[ienisch], vielleicht Bar-
bari an
– stellte sich aber bei näherer Prüfung aber als junger Dürer heraus. Ich sage :
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien