Page - 292 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Image of the Page - 292 -
Text of the Page - 292 -
Kapitel 4: Der Streit mit Papst Paul IV. – Neue Begründung des
Kaisertums292
Franzosen das Reich niemals besessen254, denn Karl der Große sei ein Deut-
scher gewesen („Germanus fuit“)255. Die Theorie von der Einsetzung der Kur-
fürsten durch Papst Gregor V. wird ebenfalls bestritten, vielmehr sei ihr Recht
durch lange Gewohnheit und die Zustimmung der deutschen Fürsten und Stän-
de begründet256. Daraus wird sofort abgeleitet, daß der Papst kein Absetzungs-
recht habe. Zur Bekräftigung folgt der Hinweis, es sei anläßlich der Absetzung
König Wenzels festgestellt worden, daß der Papst nicht Herr des Reiches sei, es
sei vielmehr „immediate a Deo“. Direkt angeschlossen wird die kühne Inter-
pretation, der Rücktritt (cessio) Karls V. sei eigentlich keine Abdankung (resi-
gnatio) gewesen, sondern er habe gleichsam eine Translatio vorgenommen257.
Indessen waren die beiden Räte mit den Ausführungen des spanischen Orators
zu diesem Punkt zufrieden.
Den persönlichen Angriffen auf Ferdinand wegen seiner Mitwirkung an den
jüngsten religionspolitischen Entscheidungen im Reich war nach Ansicht der
beiden Autoren am besten durch Verweis auf die Verfassung zu begegnen: Oh-
ne den Rat der Reichsstände könne der Kaiser im Reich nichts tun258. Da die
Beschlüsse von Passau, Augsburg und Regensburg in der Liste der Vorwürfe
eigens genannt waren, wird jeder von ihnen im speziellen Teil des Gutachtens
nachdrücklich als sachlich geboten verteidigt und die These variiert, Ferdinand
habe dadurch zur Rettung der Kirche im Reich beigetragen. Als theoretische
Rechtfertigung wird die Empfehlung Augustins bemüht, man dürfe um des
guten Ausgangs und des Friedens willen auch ein Übel tolerieren259.
Die anderen Vorwürfe der Liste, die fast alle exemplifizieren sollten, Ferdi-
nand habe durch sein Verhalten oder in konkreten Einzelfällen die Rechte der
Kirche verletzt oder beachte sie nicht genügend, werden von den beiden Räten
als ungerecht, unbegründet oder absurd zurückgewiesen. Nur einige Punkte
seien hier erwähnt260: Seine Praxis bei Bischofsbestätigungen sei in Ungarn
jahrhundertelang geübte Tradition, im Reich seien die Wahlen frei, und er habe
niemals einem skandalösen Ergebnis zugestimmt. An der vom Papst verlangten
Unterdrückung der Hussiten seien etliche Vorgänger Ferdinands in politisch
viel weniger bedrängter Lage kläglich gescheitert. Keineswegs dulde der Kaiser
eine angebliche lutherische Unterwanderung der Universität Wien, vielmehr
habe er das Erforderliche zur Verhinderung von Druck und Vertrieb häreti-
254 „apud Gallos certe Imperium rom. active numquam fuit“ (fol 49r).
255 fol 48v. Die Einbeziehung der Franken und Karls des Großen in die deutsche Geschichte war in
Humanistenkreisen verbreitet; nach Enea Silvio Piccolomini – Papst Pius II. – (vgl. Mertens, S.
34) haben Nauclerus und Wimpfeling sie vertreten und sich dafür auf die Dekretale „Venerabi-
lem“ Innozenz’ III. berufen (Goez, S. 252).
256 fol 49r; zur Entstehung dieser Auffassung vgl. Buchner, S. 71ff
257 fol 49v
258 fol 50r: „Hoc certum est quod in hoc toto negocio quantum ad imperium eiusque iura pertinet
sine consilio electorum aliarumque statuum imperii caesarem M. nihil posse aut debere agere aut
constituere.“
259 fol 50v-53r, der Hinweis auf Augustinus fol 51v
260 Zum Folgenden fol 54r-56v
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
back to the
book Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V."
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien