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Kapitel 5: Der Reichstag in Augsburg
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ihm, wie seine Reaktionen zeigen, sehr ungelegen kam, weil sie von seinem
eigenen religionspolitischen Ziel wegführte.
In einer internen Beratung der protestantischen Stände am 25. April 1559
hatten alle Anwesenden einmütig dafür gestimmt, das in Regensburg geschei-
terte Begehren nach Aufhebung des Geistlichen Vorbehalts wieder aufzugrei-
fen63. Aus ihrer Sicht handelte es sich bei diesem Artikel ja nicht um einen ge-
nuinen Bestandteil des Religionsfriedens, weil er nicht durch Konsens der Stän-
de, sondern durch den Spruch des Königs in den Reichstagsabschied eingesetzt
worden war. Ihre Versicherungen, am Religionsfrieden festhalten zu wollen,
wurden durch die Wiederholung des Antrags für die Katholiken und vermut-
lich auch für Kaiser Ferdinand selbst nicht glaubwürdiger64.
Die Mehrzahl der von den protestantischen Ständen diesmal vorgebrachten
Gesichtspunkte war natürlich nicht neu: Sie wiederholten, der Geistliche Vor-
behalt diskriminiere ihre Religion, sie hätten ihm nicht zugestimmt, die Sorge
vor einer Profanierung der geistlichen Fürstentümer sei unberechtigt, zumal sie
bereit wären, freie Wahlen der Domkapitel zu garantieren und darüber auf
Wunsch Assekurationen auszustellen, die Freistellung werde vertrauensbildend
im Reich wirken und die bedrängten Gewissen entlasten. Schärfer akzentuiert
wurde, der Geistliche Vorbehalt habe ein besonderes Mißtrauen zwischen den
Ständen beider Konfessionen geschaffen und die erhoffte Vergleichung der
Religion „nicht wenig verhindert“. Neu waren der etwas süffisante Hinweis,
eine Folge der eingeschränkten Gewissensfreiheit sei der Pfarrermangel in man-
chen Ländern wie auch in den Erblanden Ferdinands, und die Mahnung, der
Kaiser möge bedenken, daß Gottes Zorn über die Unterdrückung seines Wor-
tes an den Einfällen der Türken und „auch ander straffen wol zu spuren gewe-
sen“65.
Die Eingabe wurde von Seld gründlich analysiert, wobei der Reichsvize-
kanzler ihre Thesen mit manchmal ironischen Anmerkungen versah66. Seine
Kommentare verdeutlichen, daß Seld die protestantischen Ausführungen als
scheinheilig empfand und ihrem Angebot, Garantien für den Erhalt der geistli-
chen Fürstentümer geben zu wollen, nicht traute. Seine Zweifel an ihrer Erklä-
63 Ernst, Bw. 4, S. 643ff
64 Wie unstimmig aus katholischer Sicht ihr Verhalten war, drückte eine Generation später der
kaiserliche Hofrat Erstenberger so aus: „Unnd anfangs ist höchlich zu verwundern, daß die jeni-
gen, welche diß Werck der Freystellung vor andern treiben, allenthalben iren grossen eyfer, den
sie zu erhaltung ... deß Heiligen Reichs Abschiden, Ordnungen und Satzungen tragen, rhümen
... und doch dabey nit bedenken noch mercken, daß sie eben in deme und dardurch alle Ord-
nung gentzliche auffheben und umbkehren...“ (Burgkard, fol 168r).
65 HHStA Wien, RK RTA 43, fol 419r-423r (die Zitate fol 419r u. fol 422v). Das ausgearbeitete
Papier stieß bei mehreren Reichsstädten auf Kritik: Straßburg, Ulm, Regensburg, Schweinfurt
und Isny fanden die Belange der evangelischen Reichsstädte zu wenig berücksichtigt. Augsburg
lehnte die Unterstützung mit der verfassungs- und kirchenrechtlichen Begründung ab, falls etwa
der Bischof von Augsburg übertrete, könnte er dann die Jurisdiktion über die Pfarrer in der
Stadt wieder beanspruchen (HStA Marburg, PA 1276 fol 143r: Protokoll zum Reichstag, Rein-
schrift, Eintrag zum 10.5.1559).
66 HHStA Wien, RK RTA 42, fol 7r: Eigenh. Aufzeichnung Selds
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien