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Kapitel 5: Der Reichstag in Augsburg
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Kaiser bei positiver Reaktion vorher noch mit ihnen sowie einigen deputierten
Reichsständen konferieren sollte. Der Fürstenrat, der über eine Hilfe in vierfa-
cher Höhe diskutiert hatte, gab nach und regte nur noch an, auch die Reichs-
stände sollten an den Zaren schreiben, aber das lehnte der Kurfürstenrat als
unüblich ab, das habe der Kaiser „allein als das oberhaupt“ zu erledigen. Die
kaiserliche Prärogative bei internationalen Angelegenheiten wurde also aner-
kannt. Man verständigte sich noch, daß der Bischof von Münster und die Her-
zöge von Pommern sowie Heinrich der Jüngere von Braunschweig genauere
Erkundigungen über den Stand der Dinge in Livland einziehen und dann Vor-
schläge machen sollten, wie das Geld einzusetzen sei, das bis zum Februar 1560
erlegt sein sollte176.
Der Gedanke einer Gesandtschaft des Reichs nach Moskau, den Ferdinand
im Mai anscheinend aufgreifen wollte, war also dahin modifiziert worden,
möglichst gemeinsam mit anderen Mächten zu intervenieren. Ferdinand erteilte
den Vorschlägen der Reichsstände am 12. August seine Zustimmung177. Sie
wurden im „außenpolitischen“ Nebenabschied festgehalten178. Es sei dahinge-
stellt, ob Sieberg über den aktuellen Stand der Verhandlungen in Wilna infor-
miert war, die wenige Wochen nach Schluß des Reichstags zu den Schutzverträ-
gen des polnischen Königs mit dem Ordensmeister Kettler und dem Erzbischof
von Riga führten179. Die Supplik, in der der Komtur aus Livland sofort gegen
die Beschlüsse des Reichstags Stellung nahm, blieb wirkungslos, obwohl er
nochmals die Notwendigkeit einer raschen Truppenhilfe betonte, die vorgese-
henen Schritte als unzulänglich und gefährlich kritisierte, denn sie würden den
Zaren ermutigen, und mit der – vielleicht als letzte Warnung gemeinten – Er-
klärung schloß, wenn als Folge der ungenügenden Unterstützung Livland dem
Reich verloren ginge, dürfe man dem Ordensmeister nicht die Schuld geben180.
Beratung über die Restitution der lothringischen Bistümer und Städte
Nicht die in der Proposition aufgeführten Themen haben den Reichstag zuerst
beschäftigt, sondern die Gesandtschaft des französischen Königs. Wie bereits
berichtet, hatte Ferdinand sich dafür entschieden, ihr diesmal Geleit und Emp-
fang zu gewähren, um sich im Streit mit der Kurie den Vorteil der Anerken-
nung als Kaiser durch den allerchristlichsten König nicht entgehen zu lassen181.
Auch Philipp II. hielt die Entscheidung seines Onkels für besser, als gar nicht
mit der Gesandtschaft zu reden und sie dadurch den Kurfürsten in die Arme zu
176 HStA Marburg, PA 1276, fol 88v-90v: Einträge zum 2. u. 3.8.1559, die Zitate fol 88v u. 90v;
Reimann, Verhalten, S. 357f
177 Schirren 3, S. 249ff: Resolution des Kaisers v. 12.8.1559
178 Neue Sammlung 3, S. 181f (§§ 8–17). Falsch datiert (auf Oktober) bei Dreyer, S. 81, und ihm
folgend bei Arnell, S. 21.
179 Zivier, S. 615; Arnell, S. 70ff
180 Schirren 3, S. 246ff; Reimann, Verhalten, S. 358f
181 Vgl. Kapitel 4, S. 311
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien