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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN222
nach 1848 über Jahre hinweg keine Jahresabrechnungen mehr vorgelegt. In
dieser Zeit stieg der jährliche Kassaüberschuss aufgrund sinkender Ausga-
ben beständig und betrug schließlich mehrere tausend Gulden. Khloybers
Antrag, 4000 fl. davon zur Umbindung der 1810 ererbten Bibliothek der
Erzherzogin Maria Elisabeth zu verwenden, wurde abgelehnt und der Bib-
liotheksvorsteher 1853 aufgefordert, das gesamte Kassaguthaben von exakt
5.647 fl. 16 kr. C.M. an die ferdinandeische Privatkasse in Wien abzuführen.
Dass man zuvor eine Abordnung von Beamten der Hofbibliothek mit dem
Auftrag zu ihm entsandt hatte, die vorgeschlagenen Maßnahmen hinsicht-
lich ihrer Notwendigkeit zu prüfen, trug wohl zu Khloybers Verbitterung bei.
Der Bibliotheksvorsteher zeigte bei dieser Gelegenheit zwar einige vom Na-
gekäfer durchlöcherte Bände der Elisabethinischen Bibliothek, verschwieg
jedoch geflissentlich die in Kisten verpackten, noch unbearbeiteten Teilliefe-
rungen, auf die Becker eingangs in seinem Bericht hingewiesen hat. Die Tat-
sache, dass der neue Direktor nun die nachträgliche Klärung dieser Ange-
legenheit zu einer „unerlässliche[n] Bedingung zur geregelten Fortführung
der Bibliothek“ erklärt, verdeutlicht, dass man keineswegs gewillt war, auf
dieses Geld zu verzichten. Die Komplettierung der defekten Werke – Beckers
primäres Ziel – hätte das jährliche Ankaufsbudget ohne diesen namhaften,
1853 retournierten Betrag über Jahre hinweg zur Gänze beansprucht.713
Im Zuge der kurzen Besprechung der Kataloge kommt Becker auf ein wei-
teres Kernthema seines Programms zu sprechen: die Benützung der Biblio-
thek. Dass diese in erster Linie der kaiserlichen Familie zukomme und man es
daher mit einer Familienbibliothek im eigentlichen Sinn zu tun habe, ist ein
wichtiger Leitgedanke, der Einfluss auf alle künftigen Maßnahmen nehmen
wird. Becker strebt deshalb die Erstellung eines Realkataloges an, da dieser
den „Umfang und Inhalt der Literatur, die in derselben [Bibliothek] vertre-
ten ist, in einem vollständigen, nach practischen Gesichtspunkten geordneten
Verzeichnisse“ aufführt, „alle Gegenstände enthält, die in der Bibliothek ver-
treten sind und zugleich eine schnelle und sichere Orientierung über das zu-
lässt, was über jeden einzelnen Gegenstand und zwar in chronologischer Folge
von der frühesten bis in die neueste Zeit“ vorhanden ist. Der Bibliotheksvor-
steher formuliert hier programmatisch: „Nicht der Standpunct des Gelehr-
ten, sondern der des Laien scheint mir bei der Benützung dieser Bibliothek
der maßgebende“. Auf Grundlage eines solchen Kataloges sei die Bibliothek
sodann in die Lage versetzt, „dem im Zweck und Werte ihrer Sammlungen
liegenden Beruf im vollen Maße gerecht zu werden“ und dadurch „von den
Mitgliedern des allerhöchsten Kaiserhauses besser gekannt und mehr be-
nützt zu werden“. Nebenher erleichtere dieser Katalog den bibliothekarischen
713 FKBA26135, pag. 7–11.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken