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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN224
ein. Darauf aufbauend formuliert Becker folgende Maximen für die weitere
Akquisitionspolitik: a) literarische Werke werden nur angekauft, wenn ihr
Inhalt neben seinem wissenschaftlichen Wert und seinem Bezug „auf öster-
reichische Verhältnisse“ den vorhandenen Bestand wesentlich ergänzt und
darüber hinaus den „Bedürfnissen der kaiserlichen Familie“ entspricht, „in-
dem es sich für den Unterricht und die Ausbildung der kaiserlichen Kinder
als ein geeignetes Anschauungsmaterial, Hilfs- oder Nachschlagebuch dar-
stellt“. Es wird also ein klarer Bezug zum Unterricht der jüngeren Erzher-
zoginnen und Erzherzoge hergestellt, ein Aufgabengebiet, das Becker durch
seine vormalige Tätigkeit ja hinlänglich bekannt war. b) Werke von denen
aufgrund ihres Inhalts oder Verfassers angenommen werden könne, dass sie
dem Kaiser ohnehin überreicht oder „der Bibliothek auf anderem Wege bil-
liger oder ganz unentgeltlich zugewendet werden“, wären vorerst nicht über
den Buchhandel anzukaufen. Becker spricht hier wohl aus seiner Erfahrung
als Generalsekretär der Geographischen Gesellschaft, wenn er meint, dass
wissenschaftliche Institutionen ihre Publikationen auf Anfrage mit Vergnü-
gen gratis zur Verfügung stellen, da diese ohnehin nicht für den Buchmarkt
bestimmt seien und man gewiss besonderen Wert darauf lege, sie in der kai-
serlichen Fideikommissbibliothek vertreten zu sehen. Hinsichtlich der dem
Kaiser als Geschenk überreichten und in seine Privatbibliothek eingereihten
Bücher, deren Zustrom im Jahre 1849 in die Hofbibliothek umgeleitet wor-
den war, kann Becker den im vorhergehenden Kapitel bereits skizzierten
ersten Erfolg vermelden. Er argumentiert hier vor allem mit dem Faktum
des kaiserlichen Privateigentums, das damit (die Hofbibliothek finanzierte
sich ja teilweise durch den Verkauf von Dubletten) gesichert sei. Diesen Ei-
gentumsgedanken weiterführend sieht der Bibliotheksvorsteher auch die in
den kaiserlichen Appartements, Schlössern und Jagdhäusern befindlichen
Werke als ebensolchen Privatbesitz, der in nächster Konsequenz somit auch
der Privatbibliothek zugehörig sein müsse. Die an ihren Orten vorläufig ver-
bleibenden Titel wären ebenso katalogmäßig zu erfassen, was abseits der
Besitzsicherung wiederum zur Vermeidung von Dubletten beitragen würde.
Eine weitere bislang nur ungenügend genutzte Bezugsquelle für beide Bi-
bliotheken ortet Becker bei den Zeitungen und illustrierten Blättern, „die
für Seine Majestät gehalten werden und nach erfolgter Benützung einem
ungewissen Schicksal anheimfallen“. Sie hätten nicht nur aufgrund der da-
rin enthaltenen Porträts eminenten Wert, sondern auch hinsichtlich der auf
Österreich bezogenen Aufsätze, „die bei der Sammlung von Austriacis unter
allen Umständen wichtig sind“. Ihre Abgabe an die Bibliothek nach erfolgter
Benützung sei daher wünschenswert.717
717 FKBA26135, pag. 17–23.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken