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RESÜMEE 373
heute noch besteht. Zunächst vergrößert sich die Privatbibliothek Franz
Josephs aufgrund des Ablebens Kaiser Ferdinands I. in Prag am 29. Juni
1875. Dieser hatte die Ferdinandea testamentarisch nämlich nicht der Fidei-
kommissbibliothek einverleiben lassen, sondern Franz Joseph persönlich
vermacht. Die Gründe für diesen Schritt liegen im Dunkeln. Möglicherweise
wollte sich Ferdinand mit dem weiteren Schicksal einzelner Teile seines
Gesamtbesitzes nicht auseinandersetzen und überließ es Franz Joseph als
seinem Universalerben, die notwendigen weiteren Verfügungen zu treffen.
Dass die künftige Zusammenführung aller Bibliotheks- und Kunstbestände
zu einer großen Familienbibliothek zu diesem Zeitpunkt aber schon be-
schlossene Sache gewesen sein dürfte, würde der Umstand untermauern,
dass die Objekte aus Prag physisch nicht mit der Privatbibliothek Franz Jo-
sephs, die immer noch in Dachbodenräumlichkeiten aufgestellt war, vereint,
sondern durch die Schaffung von Stellflächen oberhalb von Fenstern und
in Türlaibungen sofort in der Fideikommissbibliothek untergebracht wur-
den. Auf Kaiser Ferdinand folgte als Nutznießer der Fideikommissbibliothek
zunächst noch dessen Bruder, der 1848 bei der Thronfolge übersprungene
Erzherzog Franz Karl, der Vater Franz Josephs, nach. Erst als dieser im
März 1878 verstirbt und Franz Joseph ihm nachfolgt, sind die Funktionen
des amtierenden Kaisers und des Fideikommissherren wieder in einer Per-
son vereint. Beide Ereignisse, 1875 und 1878, bedeuten einen immensen
bibliothekarischen Aufwand. Dubletten müssen erfasst und ausgesondert
werden, Werke neu katalogisiert und Signaturen aufgrund der geänderten
Aufstellung angepasst werden. Während Franz Joseph den Mitarbeitern der
Fideikommissbibliothek seine Anerkennung für die geleistete Arbeit ausdrü-
cken lässt, wird Becker im März 1877 mit dem Komturkreuz des Franz-Jo-
seph-Ordens belohnt.
Ob die Schaffung einer Familienbibliothek für das Herrscherhaus aus-
schließlich auf die spezifische Situation am Wiener Hof und die Entwicklun-
gen in diesem Zeitraum zurückzuführen sind, oder ob es dafür konkrete Vor-
bilder gab, dies führt unweigerlich zur Frage nach ähnlichen Entwicklungen
an anderen europäischen oder außereuropäischen Herrscherhöfen. Und hier
sticht ein Vergleichsbeispiel ins Auge, es ist im Übrigen eines der wenigen
bekannten seiner Art. Schon Anfang der 1860er Jahre war es am preußi-
schen Königshof in Berlin zu einer ähnlichen Entwicklung gekommen. Der
dortige Bibliothekar Charles Duvinage hatte mehrfach angeregt, die Privat-
bibliotheken einiger Hohenzollern, die teilweise auf verschiedene Nebenre-
sidenzen verteilt waren, zu einer zentralen Bibliothek – der späteren König-
lichen Hausbibliothek – zusammenzuführen.1194 Ob es sich gewissermaßen
1194 Vgl. dazu Huber-Frischeis/Knieling/Valenta, Privatbibliothek, 516f.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken