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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN416
hindernd in den Weg, von der [pag. 38] dieser höchst ehrenhafte Mann in der
spätern [sic] Zeit seines Wirkens, namentlich seit dem Hinscheiden seines
kaiserlichen Gönners befangen schien. Zum Beleg dafür folgende Thatsache:
Als ich die Bibliothek übernahm (im October 1869), wurde mir von den Be-
amten angedeutet, dass in jenen Räumen, welche der Bibliothek auf dem
sogenannten Brettergang der Burg als Magazin zugewiesen sind, ein große
Zahl von Portefeuillen [sic] liege, die ausschließlich Porträte enthalten, so
wie sie von den Reisenden, die Kaiser Franz zur Sammlung ausgeschickt,
abgeliefert wurden. Diese Portefeuilles seien bisher weder durchgesehen
noch in die Kataloge aufgenommen worden. Herr Regierungsrath Khloyber
habe sie nach dem Tode Seiner Majestät des Kaisers Franz in der Bibliothek
uneröffnet liegen und endlich in das Magazin übertragen lassen, wiewol [sic]
ihm von den Beamten widerholt [sic] und dringend vorgestellt worden sei,
dass man sie dort früher sichten und in das bestehende Verzeichnis eintra-
gen solle, um bei nachfolgenden Ankäufen vor etwaigen Doubletten sicher
zu sein. Während nun die bezeichneten Portefeuilles unberührt im Magazin
lagen, wurden vom Vorstande fortwährend Porträte gekauft, und zwar nicht
bloß neue, die zur Complettierung der Sammlung angezeigt waren, sondern
auch ältere, bei denen es geradezu nothwendig gewesen wäre, früher in den
Magazinsvorräthen nachzusehen, ob man nicht mitunter etwas kaufe, was
man schon [pag. 39] besitzt. Auch das geschah nicht, und so wurde ein gro-
ßer Theil der durch kaiserliche Munificenz zustandegebrachten Sammlung
vom Jahr 1835 an bis auf den heutigen Tag so behandelt, als ob sie gar nicht
da wäre.
Nachdem ich mich von dem Stand der Sache durch eigene Anschauung
überzeugt hatte, erhielten die beiden Scriptoren Thaa und Winkler sofort
den Auftrag, die Durchsicht und Eintheilung jener zurückgelegten Porte-
feuilles in Angriff zunehmen [sic], während ich vor der Hand [sic] den An-
kauf von Porträten aus älterer Zeit sistierte. Die Arbeit ist in vollem Zuge,
kann aber mit dem besten Willen nur langsam fortschreiten, da fast bei je-
dem einzelnen Portraite constatiert werden muß, ob es in dieser Form nicht
in der Sammlung schon vorhanden und folglich als Doublette zu behandeln
sei. Von den im Magazin vorgefundenen 86 Portefeuilles, deren jedes, ge-
ring gerechnet 500 Porträte enthalten dürfte, wurden bisher erst zwei auf
diese Art durchgenommen, und unter der Gesamtzahl von Porträten, die sie
enthalten, 460 als neu d. I. noch nicht vorhanden, 1675 als alt, d. I. schon
vorhanden und zwar meist in schöneren Exemplaren vorhanden erkannt. Es
ist somit mehr als wahrscheinlich, dass mehrere tausend Gulden, die man
während dieser Zeit auf Porträte ausgab, erspart worden wären, wenn der
Bibliotheksvorstand die Durchsicht der Portefeuilles zur rechten Zeit gestat-
tet hätte.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken