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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM474
nahme der Allerhöchsten Privatsammlung nicht bloss deren unmittelbarer
Leiter Kenntnis haben müsse, sondern dass […] auch die Erlaubnis Eurer
Exzellenz [i. e. Chertek] unerläßlich sei“. Welche Wirkung diese Äußerung auf
Karpf hatte, wissen wir; und selbst Ritter muss sich dessen bewusst gewesen
sein, da er hinzufügt: „Herr Dr. Karpf scheint in seiner hingebenden, viel-
leicht nur etwas zu ängstlichen Sorge für das ihm anvertraute Amt meiner
[…] ganz privaten Äusserung eine weit größere Bedeutung beigelegt zu ha-
ben als meines Erachtens die ganze Angelegenheit verdient“.150
Mit dem Bekanntwerden der Anzeige kam aber ein neuer Aspekt ins
Spiel, indem sie Schnürer als den eigentlichen Schuldigen an der ganzen
Affäre denunzieren musste. Im entsprechenden Akt der Generaldirektion
heißt es: Dass „ein subalterner Beamter des Institutes ohne die erforderli-
che vorherige Genehmigg. seines Vorstandes, eventuell von höherer Stelle
eigenmächtig für eine lucrative Privatarbeit […] sich eine solche Reproduc-
tion herausnimmt, ist sträflich u. jedenfalls ein Disciplinarfall“. Vize-Gene-
raldirektor Franz von Hawerda-Wehrlandt wollte nun von Karpf wissen, „ob
diese Autorschaft thatsächlich bestehe, eventuell ob die Reproduction mit
Ihrem Vorwissen, wenn schon ohne Ihre Genehmigg. beabsichtigt u. etwa
bereits geschehen sei, endlich wie Scriptor Schnürer sein eigenmächtiges
Vorgehen erkläre.“151 Am 19. April 1906 erstattete Karpf seinen diesbezüg-
lichen Bericht, worin er die Aussagen Schnürers referiert: Tatsächlich wäre
der Wiener Kunstverleger Gerlach im Frühling 1903 – also kurz vor der
Übersiedlung der Bibliothek in die Neue Hofburg (vgl. Abschnitt1.5.1) – an
ihn (Schnürer) mit der Frage herangetreten, „ob die Porträtsammlung der
Bibliothek auch Porträte von historischen Frauen besitze, da ein Leipziger
Verleger eine Sammlung derartiger Porträte herauszugeben beabsichtige.“
Zusammen mit Johann Jureczek, der die Porträtsammlung betreute, er-
stellte Schnürer daraufhin eine Auswahl von fünfzig Blättern. Im Auftrag
des nach Wien gereisten Verlegers Adolf Schumann verfasste Schnürer
außerdem Bildunterschriften mit den Lebensdaten der Dargestellten. Im
Herbst 1903 erschien das Werk schließlich. Ob die Bewilligung von Biblio-
theksleiter Karpf davor eingeholt worden war, blieb zunächst unklar; denn
da die Porträtsammlung Jureczeks Ressort war, betrachtete Schnürer dies
als dessen Aufgabe, wusste aber drei Jahre danach nicht mehr, ob dieser
ihr nachkam.152 Doch Jureczek befand sich seit Anfang Februar aufgrund
150 Ebenda: Schreiben von Franz Ritter an Generaldirektor Chertek v. 11.04.1906.
151 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5, Kt. 537, Z. 1476 ex. 1906.
152 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5, Kt. 537, Z. 1476 ex. 1906: Bericht Karpfs an die
Generaldirektion v. 19.04.1906.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken