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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM476
halt am ehesten zu durchblicken wäre.“157 Doch Chertek entschied, dass die
schriftliche Äußerung Jureczeks ausreichend wäre. Ihr Inhalt wurde Karpf
vom Generaldirektor nahezu wortgleich in einem eigenhändig verfassten Zu-
satz zu dem von Hawerda entworfenen Erlass mitgeteilt, in der auch Schnü-
rers Angabe zum Ankauf des Werkes als Beleg für ihre Richtigkeit ange-
führt wurde, ohne dessen Namen zu nennen („von anderer Seite behauptete
Thatsache“). Im Anschluss daran wollte Chertek von Karpf wissen, warum
er nicht bereits damals, nach dem Ankauf, seine Anzeige erstattet hätte.158
Diese Vorgehensweise des Generaldirektors, wie sie im Akt in der Konzept-
phase zutage tritt, zeigt, dass er nicht unparteiisch agierte.
Die Rechtfertigung Karpfs datiert vom 4. Mai. Er nimmt darin zunächst
zum Vorwurf Stellung, er habe das Werk „Berühmte Frauenschönheiten“
selbst angekauft. Tatsächlich findet sich der Titel auf der von Gerold & Co
für das Jahr 1903 ausgestellten Sammelrechnung, die über hundert Posten
enthält, eingetragen unter dem 22. 7. 1903. Der Rechnungsbeleg wurde aller-
dings nicht von Karpf geprüft und unterzeichnet, sondern von Jureczek.159 Der
Bibliotheksleiter erklärt nun den Ankauf, von dem er nichts gewusst haben
will, so, dass sich das Buch unter den von Gerold & Co routinemäßig zur Ein-
sicht zugesandten Werken befunden hätte und diese „beim Umräumen und
Aufstellen der Werke zur Zeit der Übersiedlung irrtümlich als Abteilung auf-
zunehmender Werke betrachtet [worden wären] und das Werk selbst so zur
Einverleibung in die Sammlungen gelangte.“ Dass er Jureczek die Bewilligung
zur Anfertigung der Reproduktionen gegeben hätte, bestreitet er nach wie vor.
Es hätte sich nach Karpf um ein Missverständnis gehandelt, das „sich heute
nach mehr als 3 Jahren kaum aufklären lassen“ dürfte. Nicht uninteressant
ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass nach Schnürers und Jureczeks
Aussagen „das seinerzeit geplante Werk […] nicht als eine Galerie von Frau-
enschönheiten gedacht war, sondern als eine allgem. Sammlung histor. Por-
träts“. Denn unter diesem Vorzeichen hätte die Genehmigung der Veröffent-
lichung nicht bedenklich erscheinen müssen, da die Fideikommiss
bib liothek
bereits seit Mitte der 1880er Jahre vergleichbaren Publikationen entsprechen-
des Bildmaterial zur Verfügung gestellt hatte (vgl. Abschnitt 2.2.2).
Was waren nun die Bedeutung und das Resultat dieser Affäre? Der Gang
ihrer Entwicklung wird am besten durch die Konklusion Hawerdas cha-
157 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 537, Z. 1540 ex. 1906: Stellungnahme Hawer-
das von Wehrlandt vom 26.04.1906.
158 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 537, Z. 1540 ex. 1906: eigenhändig eingefügte
Randbemerkungen von Chertek.
159 FKBA37012. Der Verwaltungsbericht, den Schnürer ebenfalls als Beleg anführt, ist uner-
heblich, da darin nicht auf die einzelnen Ankäufe eingegangen wird (vgl. Abschnitt 1.1.2).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken