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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM480
Verantwortung übernimmt, dass die Sicherheit des Bücherbestandes nicht ge-
fährdet werde, und die in der Zuschrift des k. k. Bezirksgerichtes Josefstadt in
Civilsachen angedeutete und wegen ihrer scheinbaren Anrüchigkeit näher zu
untersuchende Genesis der gegenwärtigen Mahnklage diese Maßregel nicht
erforderlich macht.“168
Die Auszahlung einer Neujahrsremuneration von 100 K an Scherr lehnte
Chertek jedoch ab. Karpf hatte inzwischen einen Gerichtsadvokaten beigezo-
gen; er ließ sich beglaubigen, dass bei der Ursache für die Mahnklage keine
„ehrenrüchige[n] Nebenumstände“ im Spiel waren und bekam von Scherr
die Zusicherung, „dass er demnächst die Mutter seines Kindes heiraten
werde und dass er dann in ein geordnetes Familienleben treten werde.“169
Das Misstrauen des Generalsdirektors war damit nicht beseitigt. Er for-
derte weiters Auskunft darüber, ob „das fernere Verbleiben Scherrs im aus-
hilfsweisen Dienste dieser Administration einem wirklichen Bedürfnisse
entspricht.“170 – Anscheinend waren die Sorgen Cherteks nicht ganz unbe-
gründet. Anfang des Jahres 1906 wurde nämlich ein Verlust in der Fidei-
kommissbibliothek gemeldet: Die Medaille auf die Einweihung der Votiv-
kirche lag nicht an ihrem Aufbewahrungsort in einem versperrten Kasten.
Alle Nachforschungen blieben zunächst ergebnislos; polizeiliche Ermittlun-
gen im In- und Ausland wurden „in discreter Weise“ eingeleitet. Chertek
untersagte, die Staatsanwaltschaft davon in Kenntnis zu setzen, „da die
Nachtheile der Publicität größer erscheinen als der materielle Verlust.“ Die
Medaille tauchte schließlich bei einem Pfandleiher im IX. Wiener Bezirk auf,
wo sie mit einem Betrag von über 800 K. belehnt war. Schnürer teilte dies
am 15. Juni 1906, dem Tag seines Amtsantritts als Bibliotheksleiter, Cher-
tek mit; die Information darüber hatte er von seinem Vorgänger Karpf. Als
jene Person, die die Medaille verpfändet hatte, wurde Matthias Scherr aus-
geforscht, der danach sofort entlassen und in Untersuchungshaft genommen
wurde. Die Medaille und eine goldene Uhr, die Scherr ebenfalls entwendet
hatte, wurden um den Betrag von 1.000 K. ausgelöst; von einer Beteiligung
am Prozess gegen Scherr sah man ab, da eine Erstattung der Kosten durch
diesen nicht zu erwarten war. Chertek ließ indes eine interne Untersuchung
über das Zustandekommen des Diebstahls durch einen Beamten der Gene-
raldirektion durchführen. Damit sollte in erster Linie geklärt werden, in-
wieweit Karpf den Diebstahl durch fahrlässiges Handeln mitverschuldet
hatte. Alle Bibliotheksmitarbeiter wurden dazu einzeln befragt, und inter-
168 FKBA36223, fol. 8r–v.
169 FKBA36223, fol. 15r.
170 FKBA36223, fol. 16v.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken