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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 481
essanterweise waren es vor allem die Diener, die mit ihren Aussagen ihren
ehemaligen Chef belasteten.171 Die Untersuchung ergab deshalb, dass Karpf
„an diesem Vorkommnisse […] ein wesentliches Verschulden“ trug, und zwar
aus zweierlei Gründen: Zum einen war der Schlüssel zu dem Kasten, in dem
die Medaille aufbewahrt wurde, nicht einem Beamten, sondern dem dien-
stältesten Bibliotheksdiener anvertraut worden, der ihn noch dazu in einer
unverschlossenen Schublade verwahrte; andererseits hatte Karpf mit dem
Entschluss, Scherr nicht bereits 1903 trotz wiederholter „Exekutionen und
mit Rücksicht auf dessen ständige finanzielle Kalamitäten“ zu entlassen, die
von Chertek am 27. November 1903 geforderte Verantwortung über die Bib-
liotheksbestände und „für seine [Scherrs] Vertrauenswürdigkeit übernom-
men“. Mit diesem Argument schließlich forderte Chertek am 22. Juli 1906
von Karpf sogar die Erstattung der der Bibliothek durch den Diebstahl er-
wachsenen Kosten von 1.000 K.172 Dieser antwortete am 4. August mit einem
ausführlichen Rechtfertigungsschreiben, in dem er verschiedene Argumente
zu seiner Verteidigung anführt: u. a., dass die frei zugängliche Aufbewah-
rung auch wertvoller Gegenstände und die Überlassung der Vitrinenschlüs-
sel an die Bibliotheksdiener bei seinen Vorgängern bereits üblich gewesen
seien. Wäre der Diebstahl nicht passiert, dann wären laut Karpf die Sicher-
heitslücken bis dato niemandem aufgefallen. Was Scherr betrifft, so beruft
sich Karpf darauf, dass dieser „von der früheren Direction […] u. z. auf beste
Empfehlung in den Dienst aufgenommen“ wurde. Er selbst habe stets „von
den mißlichen Verhältnissen“ des Bibliotheksdieners berichtet und die Ge-
neraldirektion hätte „dessen Entfernung vom Dienste ohne weiteres anbe-
fehlen“ können.173 – Schnürer verfasste zwölf Tage später ein Gutachten zu
den Erklärungen Karpfs, in dem er dessen Argumente einzeln widerlegt und
als Rechtfertigungsgründe für Karpfs fahrlässiges Handeln bloßstellt. Und
dennoch versucht er in seinem Schlussplädoyer, Karpf zu rehabilitieren, und
empfiehlt, von der Schadensersatzforderung abzusehen.174 Chertek ist dem
letztlich gefolgt, betonte jedoch gegenüber Alois Karpf, er möge in der Nach-
sicht der Forderung „lediglich die gnadenweise Erfüllung der in jenem Gesu-
che gestellten Bitte erblicken“.175
171 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5, Kt. 537, Z. 2855 ex. 1906: Protokoll über die vom
Hofkonzipisten Erwin Schenek zwischen dem 3. und dem 6. Juli 1906 in der Fideikommiss-
bibliothek durchgeführten Erhebungen.
172 FKBA37124, fol. 32r–33r.
173 FKBA37124, fol. 36r–37v.
174 FKBA37124, fol. 38r–39r.
175 FKBA37124, fol. 40r.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken