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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 525
erklärt wurden. Es gab aber noch mindestens zwei weitere Kategorien von
Schenkungen, bei denen sich dieses Problem anscheinend nicht stellte. Inte-
ressanterweise wählte Schnürer gerade zwei Musterbeispiele für diese „zur
Illustrierung“, um in dem oben zitierten Bericht an die Generaldirektion
gegen die Unzulässigkeit der Weckbecker’schen Forderung zu argumentie-
ren: das Zuwachsverzeichnis der Handschriftensammlung der königlichen
Landesbibliothek in Karlsruhe und eine Porträtschenkung durch den Fürs-
ten Liechtenstein. In beiden Fällen, so Schnürer, wäre eine Erwirkung der
„allerhöchsten Annahme“ keineswegs intendiert gewesen, und das lässt sich
aufgrund unzähliger weiterer Fallbeispiele aus dem Archiv der Fideikom-
missbibliothek auch ohne weiteres belegen. Denn das meiste von dem, was
die Fideikommissbibliothek zur Vermehrung ihrer Bestände unentgeltlich
erhielt, waren nicht Werke, die von ihren Verfassern selbst eingesendet wur-
den, sondern meist mehrbändige Publikationen von staatlichen und wissen-
schaftlichen Institutionen oder Schenkungen von Porträts, Kunstblättern
und ähnlichem.
Zu den Porträtschenkungen ist wenig zu sagen, außer dass sie fast im-
mer als willkommene Ergänzung der wichtigsten Schwerpunktsammlung
der Bibliothek dankend angenommen wurden.320 Es lassen sich auch zahl-
reiche Belege dafür erbringen, dass die Fideikommissbibliothek bei leben-
den Personen oder bei den Nachkommen bedeutender Persönlichkeiten um
unentgeltliche Überlassung von Porträts ansuchte (vgl. Abschnitt 1.3.3).
Andererseits war man bestrebt keine Dubletten zu sammeln, und das war
der häufigste nachgewiesene Grund für die Ablehnung von geschenkweise
angebotenen Bildnissen.321 Abgesehen von Porträts wurden der Fideikom-
missbibliothek auch andere Kunstblätter und Fotografien (meist Ansichten)
zugewendet und meist auch angenommen.
Wichtig und charakteristisch für den Ausbau der Büchersammlung ab
den 1870er Jahren waren aber auch die zahlreichen unentgeltlichen Zu-
wendungen, die die Fideikommissbibliothek von Hofstellen, staatlichen,
kirchlichen und kommunalen Institutionen und Anstalten sowie von Gesell-
schaften und Vereinen erhielt. Üblicherweise wurden sie anstandslos an-
genommen; nur in ganz seltenen Fällen mutmaßte man in der Sammlung,
dass ein solches Geschenk als Widmung an den Kaiser gedacht war. Doch
die Sachlage ist auch in dieser Kategorie von Gratiszuwendungen nichts we-
niger als einheitlich, zumal das Spektrum der „gebenden Institutionen“ alle
nur erdenklichen höfischen und öffentlichen Einrichtungen sowie Körper-
schaften umfasste, und zwar aus dem In- und Ausland. Grundsätzlich gilt,
320 FKBA29054, FKBA29057.
321 Vgl. FKBA31047, FKBA32034, FKBA34016.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken