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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM546
von seiner Witwe Luise Charlotte von Bourbon mit verschiedenen Aufla-
gen an die Jesuiten in Rom vermacht. Eine der Bedingungen bestand darin,
dass die Bibliothek im Falle einer Auflösung des Ordens dem Kaiser von
Österreich zufallen sollte. Da die Schließung der römischen Niederlassung
der Jesuiten durch den italienischen Staat 1873 tatsächlich drohte, wurde
die Bibliotheca Rossiana zunächst in die österreichische Botschaft verbracht
und 1877 nach Wien übersiedelt. Dies war aber nach den in Italien gelten-
den Ausfuhrbeschränkungen nur deshalb möglich, weil sie als Eigentum
des Kaisers von Österreich deklariert wurde. Die Kosten für den Transport
wurden außerdem aus der kaiserlichen Privatkasse bestritten.431 Dieses En-
gagement für die Erhaltung der Bibliothek sowie die Bestimmung der Her-
zogin Luise Charlotte, dass sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wer-
den sollte, waren für die weitere Besitzgeschichte der Bibliotheca Rossiana
von entscheidender Bedeutung. Denn in Wien waren die Jesuiten zunächst
keineswegs in der Lage für eine geeignete Unterbringung des Bestandes zu
sorgen, in der dessen Erhaltung gesichert war, geschweige denn für seine
allgemeine Benutzbarkeit. Die Bibliothek wurde in einem Gewölbe im alten
Universitätsgebäude in Wien, dem ehemaligen Jesuitenkollegium, gelagert,
das aufgrund von Feuchtigkeit völlig ungeeignet dafür war. In den Jahren
1888 bis 1890 hatte der damalige Direktor der Fideikommissbibliothek,
Josef von Zhishman, den Zustand und die Aufbewahrung der Bibliotheca
Rossiana mehrmals begutachtet und ihre Übergabe in die Obhut des Kai-
sers wegen der offensichtlich mangelhaften Lagerung gefordert. Zhishman
wollte die Sammlung jedoch keineswegs für die damals an Raumnot leidende
Fideikommissbibliothek gewinnen, sondern sie in der Universitätsbibliothek
Wien aufstellen lassen, wo die allgemeine Benutzbarkeit gewährleistet hätte
werden können.432 Daraus wurde jedoch nichts. 1895 wurde die Bibliotheca
Rossiana in das neuerbaute Jesuitenkollegium in Lainz übersiedelt. Erst
fünfzehn Jahre später wollte sich der Orden freiwillig von der Büchersamm-
lung trennen. Ende Mai 1910 schlug der damalige Provinzial Johann Baptist
Wimmer vor, die Bibliotheca Rossiana an eine kaiserliche Bibliothek abzuge-
ben, wenn den Jesuiten die dabei abfallenden Dubletten zum Verkauf über-
lassen würden. Dies wäre auch mit dem Willen der Stifterin vereinbar.433
Das Angebot wurde sowohl an die Hof- als auch an die Fideikommissbib-
liothek weitergeleitet. Der Vorstand der letzteren, Franz Schnürer, meinte
daraufhin,
431 FKBA32040, fol. 9v–10r; Gollob, Bibliothek; Neues Wiener Tagblatt, Nr. 155 v. 07.06.1909,
16.
432 FKBA31052; FKBA32040;
433 FKBA38227, fol. 1–2.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken