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BIBLIOTHEK UND ÖFFENTLICHKEIT 619
gen ist. Offensichtlich ist der Druck zu ihrer öffentlichen Präsentation aber
von außen gekommen. Doch was ist mit „speculative[r] Industrie“ gemeint
und auf welchen Kommunikationskanälen war deren Interesse zur Kennt-
nis Beckers gelangt? Wir werden auf diese gesellschaftlich und ökonomisch
relevanten Fragen noch zu sprechen kommen (vgl. Abschnitt 3.2.1). Wichtig
ist vorab nur der Umstand, dass hier der Leiter der Fideikommissbibliothek
zum ersten Mal selbst die Initiative zur Gestaltung einer Ausstellung ergriff,
was bedeutet, dass er bemüht war, einen Teil der Sammlung in eigener Re-
gie der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Moritz Alois von Becker war jedoch nicht der einzige, der sich um die Ver-
fügungshoheit der anlässlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares ge-
widmeten Huldigungsadressen bemühte. Am 16. Mai beschwerte er sich bei
Kabinettsdirektor Braun, dass die bereits in der Fideikommissbibliothek
eingelangten Huldigungsadressen entgegen einer früheren Zusicherung an
die Burghauptmannschaft abgegeben werden sollten. Diese hätte mitgeteilt,
dass die Adressen nach einer Ausstellung im Österreichischen Kunstverein
„in einem der kaiserlichen Schlösser aufbewahrt werden sollen“. Der Burg-
hauptmann hätte außerdem darum gebeten, „die k. k. Familienfideicommiss-
bibliothek möge die Registrierung und Verzeichnung jener Adressen auf sich
nehmen“. Becker weigerte sich, diese Arbeit durchzuführen, wenn die Bib-
liothek nicht als zukünftiger Aufbewahrungsort der Huldigungsadressen
vorgesehen wäre.689 Am 5. September wurde ihm von der Kabinettskanzlei
dann auch bescheinigt, „daß der Verwaltungsrath des österr. Kunstver-
eins aufgefordert wird, die ihm zur Ausstellung überlassenen, anläßlich der
Feier der silbernen Hochzeit Ihrer Majestäten eingelangten Widmungen
und Huldigungs-Adressen im Laufe dieses Monats der Allerhöchsten Famili-
en-Fideikommiß-Bibliothek zur Aufbewahrung in dem bereits hiefür in Aus-
sicht genommenen Locale zu übergeben.“690 Am 8. Oktober bestätigt Becker
schließlich den Empfang aller 803 „Adressen und Widmungen“ gegenüber
der Direktion des österreichischen Kunstvereins.691 Von ihnen hatte die Burg-
hauptmannschaft vor dem 28. Mai ein eigenes Verzeichnis erstellt, das der
Fideikommissbibliothek ebenfalls übergeben worden war.692 – Auch dieser
Akt deutet mehr an, als er explizit wiedergibt. Offensichtlich sollten die Hul-
digungsadressen der Verwaltung der Fideikommissbibliothek entzogen und
in die Kompetenz einer anderen Behörde übergeben werden. Aufgrund der
Äußerungen Beckers hat es den Anschein, dass hinter diesen Vorgängen der
689 FKBA29025, fol. 1r–v.
690 FKBA29025, fol. 2r.
691 FKBA29025.
692 FKBA29001.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken