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„KEIN RAUM MEHR FÜR IRGENDEINE MONARCHISCHE GEWALT“ 1007
Mehrere, teils auch neugegründete Staaten stellten nach dem Ersten Welt-
krieg Ansprüche auf den in Wien befindlichen Kulturbesitz. Es handelte sich
sowohl um Kunstobjekte, Hand- und Druckschriften als auch um Schriftgut
in Wiener Museen, Bibliotheken und Archiven.368 Von den ehemaligen Hof-
sammlungen waren es in erster Linie die Hofbibliothek und die beiden Hof-
museen,369 die mit Regressforderungen konfrontiert waren.
Bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrags stellten mehrere Nachfolge-
staaten Ansprüche am Staatsgut. Tatsächlich hatte man bereits kurz nach
Kriegsende Hans Tietze als Vertreter des Staatsamts für Unterricht für die
Rechte des deutschösterreichischen Staats bezüglich der wissenschaftli-
chen und Kunstsammlungen ernannt.370 Im Ernennungsschreiben wird von
„feindlichen Mächten“371 gesprochen, die Ansprüche auf Kulturgüter stellen.
Tietze unterstand im Staatsamt Sektionschef Rudolf Förster-Streffleur, dem
zweiten wichtigen Akteur des Staatsamts bei den Verhandlungen über die
Zukunft der Wiener Kunstschätze. Unter den Ländern, die Ansprüche stell-
ten, erregten insbesondere die Forderungen der italienischen Waffenstill-
standskommission Aufsehen.
2.2.1 Die Forderungen Italiens
Generalmajor Roberto Segré leitete die ab dem 28. Dezember 1918 in Wien
ansässige italienische Waffenstillstandskommission372, die mit der im Waf-
fenstillstandsvertrag vereinbarten Umsetzung militärischer, politischer und
wirtschaftlicher Belange betraut war. Segré wandte sich im Jänner 1919 an
den österreichischen Staatssekretär für Äußeres, Otto Bauer, um die italie-
nischen Ansprüche durchzusetzen und wies darauf hin, er
„glaube […] nicht, daß Versammlungen, Konferenzen oder beratende Körper-
schaften der aus der vormaligen Monarchie entstammenden Staaten berufen
wären, bezüglich der von Italien geforderten Rückgabe der ihm von der öster-
reichisch-ungarischen Regierung mißbräuchlich weggenommenen und auf
seine nach dem Frieden von 1866 erfolgte diesbezügliche Forderung ungerech-
368 Huguenin-Bergenat, Staatensukzession; Lhotsky, Verteidigung; Stummvoll, Nationalbiblio-
thek, 592–595; Rainer, Rückführung.
369 Lhotsky, Verteidigung, 167.
370 FKBA46059, fol. 1r. Zu Hans Tietze vgl. Frodl-Kraft, Tietze.
371 Ebendort.
372 Die Waffenstillstandskommission verließ im Jänner 1921 Österreich, Segré bereits ein
Jahr zuvor. Die vom italienischen Oberkommando eingesetzte Kommission wird als Mili-
tärmission bzw. als Waffenstillstandskontrollkommission bezeichnet. Vgl. Rainer, Militär-
mission, 267.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken