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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK
1914–19191008
terweise nicht zurückgegebenen Kunst- und historischen Objekte zu verhan-
deln.“373
Otto Bauer hatte den Wiener Kunst- und Kulturinstitutionen zunächst die
Forderungen der Waffenstillstandskommission kommuniziert, unter Punkt
3 befand sich auch die Forderung „das bibliographische- und Handschrif-
tenmaterial, das angeblich aus der Estensischen Bibliothek in Modena in
den Jahren 1847 und 1859 nach Wien geschafft wurde“. zurückzustellen.
Weiterhin gibt Bauer an: „Es erscheint aus politischen Gründen notwendig,
der italienischen Militärkommission baldmöglichst eine sachlich begründete
Antwort erteilen zu können.“374 Otto Bauer setzte die betroffenen Kunst- und
Kulturinstitutionen am 11. Februar 1919 davon in Kenntnis, dass den ita-
lienischen Delegierten kein Widerstand zu leisten sei, wohl aber sei gegen
das Vorgehen bei den Vereinigten Staaten von Amerika und bei der Entente
Protest einzulegen. In einem weiteren Rundschreiben wertete er eine Konfis-
zierung als Verstoß gegen das Völkerrecht. Bauer wollte mit den bilateralen
Verhandlungen bis nach dem Friedensschluss warten.375
Am 11. Februar 1919, einen Tag vor der Konfiszierung von Kunstobjek-
ten der Sammlungen des Kunsthistorischen Museums durch die italieni-
sche Waffenstillstandskommission, war dieses Vorhaben der Generaldirek-
tion zu Ohren gekommen und die Fideikommissbibliothek wurde umgehend
davon in Kenntnis gesetzt, dass die geplante Konfiszierung im Kunsthisto-
rischen Museum tags darauf um 9 Uhr stattfinden werde. In seinem Schrei-
ben sah Generaldirektor Hawerda-Wehrlandt „private Eigentumsrechte“
der Familie Habsburg-Lothringen verletzt sowie ein Zuwiderhandeln gegen
„allgemeine privat- und völkerrechtliche Normen“ bzw. gegen die „Interes-
sen der Stadt Wien als eines Zentrums der Kunst und Wissenschaft“.376 Tat-
sächlich war die Hofbibliothek im hohen Maße von der italienischen Konfis-
zierung betroffen. Am 28. Februar 1919 erfolgte eine neuerliche Forderung
von Handschriften der Biblioteca Estense von der Hofbibliothek, nämlich
die Bibel des Borso d’Este, das „Breviarium“ des Ercole d’Este und das „Offi-
cium“ des Alfonso I d’Este, welche 1859 nach Wien transferiert worden wa-
ren.377 Die Liste umfasste darüber hinaus zwei weitere Kodices, die im Jahr
373 Wien, ÖNB, HAD, Hausarchiv 25/1919, unpaginierte Abschrift; vgl. ebenso Staatsamt für
Äußeres 981/1919.
374 Wien, ÖNB, HAD, Hausarchiv 25/1919, Abschrift, pag. 2–3; vgl. ebenso Staatsamt des Äu-
ßeren 981/1/1919.
375 Wien, ÖNB, HAD, Hausarchiv 25/1919, unpaginierte Abschrift, vgl. Staatsamt für Äußeres
28/1919.
376 FKBA46053, fol. 1v.
377 Aus dem Jahr 1912 hat sich ein Bericht über den konservatorischen Zustand der Hand-
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken