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Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Page - 177 -
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Page - 177 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)

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20. Vorlesung Das menschliche Sexualleben Meine Damen und Herren! Man sollte doch meinen, es sei nicht zweifelhaft, was man unter dem »Sexuellen« zu verstehen habe. Vor allem ist doch das Sexuelle das Unanständige, das, von dem man nicht sprechen darf. Man hat mir erzählt, daß die Schüler eines berühmten Psychiaters sich einmal die Mühe nahmen, ihren Meister davon zu überzeugen, daß die Symptome der Hysterischen so häufig sexuelle Dinge darstellen. In dieser Absicht führten sie ihn an das Bett einer Hysterika, deren Anfälle unverkennbar den Vorgang einer Entbindung mimten. Er aber äußerte abweisend: Nun, eine Entbindung ist doch nichts Sexuelles. Gewiß, eine Entbindung muß nicht unter allen Umständen etwas Unanständiges sein. Ich bemerke, Sie verübeln es mir, daß ich in so ernsthaften Dingen scherze. Aber es ist nicht so ganz Scherz. Im Ernst, es ist nicht leicht anzugeben, was den Inhalt des Begriffes »sexuell« ausmacht. Alles, was mit dem Unterschied der zwei Geschlechter zusammenhängt, wäre vielleicht das einzig Treffende, aber Sie werden es farblos und zu umfassend finden. Wenn Sie die Tatsache des Sexualaktes in den Mittelpunkt stellen, werden Sie vielleicht aussagen, sexuell sei all das, was sich in der Absicht der Lustgewinnung mit dem Körper, speziell den Geschlechtsteilen des anderen Geschlechtes beschäftigt und im letzten Sinne auf die Vereinigung der Genitalien und die Ausführung des Geschlechtsaktes hinzielt. Aber dann sind Sie von der Gleichstellung, das Sexuelle sei das Unanständige, wirklich nicht weit entfernt und die Entbindung gehört wirklich nicht zum Sexuellen. Machen Sie aber die Fortpflanzungsfunktion zum Kern der Sexualität, so laufen Sie Gefahr, eine ganze Anzahl von Dingen, die nicht auf die Fortpflanzung zielen und doch sicher sexuell sind, auszuschließen, wie die Masturbation oder selbst das Küssen. Aber wir sind ja bereits darauf gefaßt, daß Definitionsversuche immer zu Schwierigkeiten führen; verzichten wir darauf, es gerade in diesem Falle besser zu machen. Wir können ahnen, daß in der Entwicklung des Begriffes »sexuell« etwas vor sich gegangen ist, was nach einem guten Ausdruck von H. Silberer einen »Überdeckungsfehler« zur Folge hatte. Im ganzen sind wir ja nicht ohne Orientierung darüber, was die Menschen sexuell heißen. Etwas, was aus der Berücksichtigung des Gegensatzes der Geschlechter, des Lustgewinnes, der Fortpflanzungsfunktion und des Charakters des geheimzuhaltenden Unanständigen zusammengesetzt ist, wird im Leben für alle praktischen Bedürfnisse genügen. Aber es genügt nicht mehr in der Wissenschaft. Denn wir sind durch sorgfältige, gewiß nur durch opferwillige Selbstüberwindung ermöglichte Untersuchungen mit Gruppen von menschlichen Individuen bekannt worden, deren »Sexualleben« in der auffälligsten Weise von dem gewohnten Durchschnittsbilde abweicht. Die einen von diesen »Perversen« haben sozusagen die Geschlechtsdifferenz aus ihrem Programm gestrichen. Nur das ihnen gleiche Geschlecht kann ihre sexuellen Wünsche erregen; das andere, zumal die Geschlechtsteile desselben, ist ihnen überhaupt kein Geschlechtsobjekt, in extremen Fällen ein Gegenstand des Abscheus. Sie haben damit natürlich auch auf jede Beteiligung an der Fortpflanzung verzichtet. Wir nennen solche Personen Homosexuelle oder Invertierte. Es sind Männer und Frauen, sonst oft – nicht immer – tadellos gebildet, intellektuell wie ethisch hochentwickelt, nur mit dieser einen verhängnisvollen Abweichung behaftet. Sie geben sich durch den Mund ihrer wissenschaftlichen Wortführer für 177
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Schriften von Sigmund Freud (1856–1939)
Title
Schriften von Sigmund Freud
Subtitle
(1856–1939)
Author
Sigmund Freud
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
Size
21.6 x 28.0 cm
Pages
2789
Keywords
Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
Categories
Geisteswissenschaften
Medizin
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