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20. Vorlesung
Das menschliche Sexualleben
Meine Damen und Herren! Man sollte doch meinen, es sei nicht zweifelhaft, was man unter dem
»Sexuellen« zu verstehen habe. Vor allem ist doch das Sexuelle das Unanständige, das, von dem
man nicht sprechen darf. Man hat mir erzählt, daß die Schüler eines berühmten Psychiaters sich
einmal die Mühe nahmen, ihren Meister davon zu überzeugen, daß die Symptome der
Hysterischen so häufig sexuelle Dinge darstellen. In dieser Absicht führten sie ihn an das Bett
einer Hysterika, deren Anfälle unverkennbar den Vorgang einer Entbindung mimten. Er aber
äußerte abweisend: Nun, eine Entbindung ist doch nichts Sexuelles. Gewiß, eine Entbindung muß
nicht unter allen Umständen etwas Unanständiges sein.
Ich bemerke, Sie verübeln es mir, daß ich in so ernsthaften Dingen scherze. Aber es ist nicht so
ganz Scherz. Im Ernst, es ist nicht leicht anzugeben, was den Inhalt des Begriffes »sexuell«
ausmacht. Alles, was mit dem Unterschied der zwei Geschlechter zusammenhängt, wäre
vielleicht das einzig Treffende, aber Sie werden es farblos und zu umfassend finden. Wenn Sie
die Tatsache des Sexualaktes in den Mittelpunkt stellen, werden Sie vielleicht aussagen, sexuell
sei all das, was sich in der Absicht der Lustgewinnung mit dem Körper, speziell den
Geschlechtsteilen des anderen Geschlechtes beschäftigt und im letzten Sinne auf die Vereinigung
der Genitalien und die Ausführung des Geschlechtsaktes hinzielt. Aber dann sind Sie von der
Gleichstellung, das Sexuelle sei das Unanständige, wirklich nicht weit entfernt und die
Entbindung gehört wirklich nicht zum Sexuellen. Machen Sie aber die Fortpflanzungsfunktion
zum Kern der Sexualität, so laufen Sie Gefahr, eine ganze Anzahl von Dingen, die nicht auf die
Fortpflanzung zielen und doch sicher sexuell sind, auszuschließen, wie die Masturbation oder
selbst das Küssen. Aber wir sind ja bereits darauf gefaßt, daß Definitionsversuche immer zu
Schwierigkeiten führen; verzichten wir darauf, es gerade in diesem Falle besser zu machen. Wir
können ahnen, daß in der Entwicklung des Begriffes »sexuell« etwas vor sich gegangen ist, was
nach einem guten Ausdruck von H. Silberer einen »Überdeckungsfehler« zur Folge hatte. Im
ganzen sind wir ja nicht ohne Orientierung darüber, was die Menschen sexuell heißen.
Etwas, was aus der Berücksichtigung des Gegensatzes der Geschlechter, des Lustgewinnes, der
Fortpflanzungsfunktion und des Charakters des geheimzuhaltenden Unanständigen
zusammengesetzt ist, wird im Leben für alle praktischen Bedürfnisse genügen. Aber es genügt
nicht mehr in der Wissenschaft. Denn wir sind durch sorgfältige, gewiß nur durch opferwillige
Selbstüberwindung ermöglichte Untersuchungen mit Gruppen von menschlichen Individuen
bekannt worden, deren »Sexualleben« in der auffälligsten Weise von dem gewohnten
Durchschnittsbilde abweicht. Die einen von diesen »Perversen« haben sozusagen die
Geschlechtsdifferenz aus ihrem Programm gestrichen. Nur das ihnen gleiche Geschlecht kann
ihre sexuellen Wünsche erregen; das andere, zumal die Geschlechtsteile desselben, ist ihnen
überhaupt kein Geschlechtsobjekt, in extremen Fällen ein Gegenstand des Abscheus. Sie haben
damit natürlich auch auf jede Beteiligung an der Fortpflanzung verzichtet. Wir nennen solche
Personen Homosexuelle oder Invertierte. Es sind Männer und Frauen, sonst oft – nicht immer –
tadellos gebildet, intellektuell wie ethisch hochentwickelt, nur mit dieser einen verhängnisvollen
Abweichung behaftet. Sie geben sich durch den Mund ihrer wissenschaftlichen Wortführer für
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin