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Finanzielle Abhängigkeiten und politische Einfl
ussnahme werden auch in der EU
befürchtet, denn die chinesischen Seidenstraßeninvestitionen zielen nicht nur auf den
Globalen Süden; auch europäische Staaten dienen als Knotenpunkte der Neuen
Seidenstraße. Mit 16 Staaten Mittel- und Osteuropas hat Peking 2013 eine neue Ko-
operationsstruktur begründet – die sogenannten 16+1-Treff
en (jüngst mit Griechen-
land zu 17+1 erweitert). In den vergangenen Jahren gab es mehrere chinakritische
Entscheidungen, die Mitglieder der 17+1 blockierten. 2016 sorgten Kroatien und
Ungarn dafür, dass die EU sich nicht durchringen konnte, China aufzufordern, das
Urteil des Ständigen Schiedshofs über die chinesischen Gebietsansprüche einzelner
Inselgruppen im Südchinesischen Meer einzuhalten; 2017 blockierte Griechenland
eine Verurteilung chinesischer Menschenrechtsverletzungen; und 2018 verweigerte
Ungarn die Unterzeichnung einer kritischen Stellungnahme der EU zu Chinas Neuer
Seidenstraße. Einheitliche Positionen der EU sind bei 27 Mitgliedsstaaten grundsätz-
lich schwer zu erzielen, 17+1 dürfte die Aussichten noch verschlechtern.
Zugleich hat China im Zuge der Seidenstraßeninitiative auch seine Präsenz im strate-
gischen „Hinterhof“ der USA – in Lateinamerika und der Karibik – weiter ausgebaut.
Auf dem zweiten China-CELAC-Gipfeltreff
en 2018 hatte der chinesische Außenmi-
nister Wang Yi den Staaten Lateinamerikas und der Karibik die Teilnahme an Chinas
Neuer Seidenstraße angeboten. Bei ihren Verhandlungen refl ektiert die chinesische
Seite die Interessen und Anliegen dieser Staatengruppe: Auf den Rückzug der USA
aus dem Pariser Abkommen reagierte Peking, indem es den karibischen Inselstaaten,
die von den Eff
ekten des Klimawandels besonders betroff
en sind, gemeinsame Pro-
jekte im Bereich des Klimaschutzes in Aussicht stellte. Dies verstärkt aus Sicht Wa-
shingtons das Bedrohungsszenario eines aufsteigenden Chinas, das die von den USA
geschaff
ene Institutionenordnung infrage stellt. Seidenstraßeninitiati-
ve bindet auch europä-
ische Staaten ein 4
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friedensgutachten / 2020
Sri Lanka hatte einen Vertrag mit China zum Ausbau
von Hafenanlagen abgeschlossen. Allerdings konn-
te es die von der China EXIM Bank bereitgestellten
Kredite nicht bedienen. Der Hafen erwies sich als
Verlustprojekt und Fehlinvestition. 2016 verhandelte
Sri Lanka einen Pachtvertrag mit der chinesischen
CMPort – mit einer Laufzeit von 99 Jahren. Die Ver-
pachtung von 70 % der Hafenanlagen an ein chine-
sisches Staatsunternehmen weckte die Befürchtung, Peking könnte kleinere Staaten entlang seiner neuen
Seidenstraßenkorridore gezielt in Schuldenfallen
treiben und im Zuge der Kontrollübernahme über die
strategische Transportinfrastruktur durch Pachtver-
träge weltweit militärische Basen aufbauen. Seitdem
haben mehrere afrikanische Regierungen bereits
bestehende Infrastrukturverträge mit der VR China
aufgekündigt.
41 Infrastrukturverträge für die Neue Seidenstraße
Friedensgutachten 2020
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Title
- Friedensgutachten 2020
- Subtitle
- Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5381-0
- Size
- 21.0 x 28.5 cm
- Pages
- 162
- Keywords
- Frieden, Bewaffnete Konflikte, Sicherheit, Internationale Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Krieg, Gewalt, Politik, Konfliktforschung, Globalisierung, Politikwissenschaft
- Category
- Recht und Politik