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nicht über sie. Die Frage der Zustimmung wird in solchen Ansätzen Teil eines
dialogischen Aushandlungsprozesses. Dadurch können alle Beteiligten die
ethischen Rahmenbedingungen für gemeinsames Handeln, wie auch die
Bewertung dieses Handelns, der jeweiligen Situationalität entsprechend mit-
gestalten. Ein solcher Ansatz sollte jedoch nicht insofern missverstanden
werden, als dass alle Entscheidungen und auch die Verantwortung für Ent-
scheidungen den Teilnehmer_innen übertragen werden. Das richtige Maß
an Autorität wie auch an Freiheit muss gefunden werden, um eine For-
schungspraxis im Sinne Paulo Freires zu fördern, in der Aktion, Dialog und
Reflexion den Gang der Dinge bestimmen (1978: 88). In letzter Instanz haben
die Projektleiter_innen bzw. die Forscher_innen die Verantwortung — für
die Sicherheit ebenso wie für den (möglichst großen) Gestaltungsspielraum
der Teilnehmer_innen. Im Folgenden werden vier Beispiele aus konkreten
Projekten beschrieben, die die Relevanz von Situationalität und Reflexivität
im Zusammenhang mit Fragen zu fotografisch-visueller Ethik bestätigen.
Diese Beispiele zeigen, wie ethische Ambivalenzen durch reflexives, der jewei-
ligen Situation entsprechendes Arbeiten gleichermaßen zu Lernorten und
Erkenntnisquellen werden können.
Beispiel 1 Die Frage „Wer ist im Bild — und wer nicht?“ kann darauf ver-
weisen, dass ein bestimmtes Thema immer wieder aus einer bestimmten Pers-
pektive beleuchtet wird, während andere Perspektiven unbeachtet bleiben.
Solche blinden Flecken in der Wahrnehmung können etwa in Zusammenhang
mit Vorab-Erwartungen zu einem Thema, mit der Gruppenzusammenstellung
oder auch mit dem lokalen Kontext stehen, in dem ein bestimmtes Projekt
durchgeführt wird. Ein Beispiel dafür beschreibt Shannon Walsh (Walsh 2007:
241–255). In einem ihrer Projekte mit Jugendlichen zum Thema Aids hatten
sich Teilnehmer_innen darüber beklagt, dass das Thema meist mit Bildern
von dunkelhäutigen und armen Menschen, also Menschen wie sie selbst, dar-
gestellt würde: “Why are there so many videos and so much media coverage of
us talking about HIV and AIDS and why not white people?” (Walsh in Mitchell
2011: 29). Fünf der Jugendlichen entschlossen sich in der Folge bewusst dazu,
Fotointerviews mit weißen Jugendlichen zu machen. Sie suchten eine Privat-
schule dafür aus, sprachen weiße Schüler_innen an, machten Fotos von ihnen
und befragten sie zum Thema Aids (Mitchell 2011: 29). Die Frage „Wer ist im
Bild und wer nicht?“ hat in diesem Fall dazu beigetragen, dass Teilnehmer_in
-
nen ihre eigene fixierte Rolle und ihren Objektstatus in Zusammenhang mit
dem Thema Aids erkannten. Anschließend führte diese Erkenntnis zur Suche
nach Strategien, wie dem wahrgenommenen Ungleichgewicht zumindest auf
Projektebene entgegengewirkt werden konnte.
Beispiel 2 Bei der Arbeit mit Fotografie zu sensiblen Themen, wie bei-
spielsweise HIV/Aids, kann es passieren, dass die Menschen vor und hinter
der Kamera von ihrer Umwelt außerhalb des Projekts mit dem Thema
identifiziert werden und so eine Stigmatisierung erfahren. Jean Stuart (2006)
berichtet von einem Projekt, bei dem sie mit Lehrer_innen in Ausbildung
zum Thema HIV/Aids arbeitete und die Teilnehmer_innen eine solche Stigma-
tisierung derart fürchteten, dass sie nicht fotografiert werden wollten:
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Title
- Generative Bildarbeit
- Subtitle
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Author
- Vera Brandner
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 276
- Keywords
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Category
- Medien