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Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
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154 nicht über sie. Die Frage der Zustimmung wird in solchen Ansätzen Teil eines dialogischen Aushandlungsprozesses. Dadurch können alle Beteiligten die ethischen Rahmenbedingungen für gemeinsames Handeln, wie auch die Bewertung dieses Handelns, der jeweiligen Situationalität entsprechend mit- gestalten. Ein solcher Ansatz sollte jedoch nicht insofern missverstanden werden, als dass alle Entscheidungen und auch die Verantwortung für Ent- scheidungen den Teilnehmer_innen übertragen werden. Das richtige Maß an Autorität wie auch an Freiheit muss gefunden werden, um eine For- schungspraxis im Sinne Paulo Freires zu fördern, in der Aktion, Dialog und Reflexion den Gang der Dinge bestimmen (1978: 88). In letzter Instanz haben die Projektleiter_innen bzw. die Forscher_innen die Verantwortung — für die Sicherheit ebenso wie für den (möglichst großen) Gestaltungsspielraum der Teilnehmer_innen. Im Folgenden werden vier Beispiele aus konkreten Projekten beschrieben, die die Relevanz von Situationalität und Reflexivität im Zusammenhang mit Fragen zu fotografisch-visueller Ethik bestätigen. Diese Beispiele zeigen, wie ethische Ambivalenzen durch reflexives, der jewei- ligen Situation entsprechendes Arbeiten gleichermaßen zu Lernorten und Erkenntnisquellen werden können. Beispiel 1 Die Frage „Wer ist im Bild — und wer nicht?“ kann darauf ver- weisen, dass ein bestimmtes Thema immer wieder aus einer bestimmten Pers- pektive beleuchtet wird, während andere Perspektiven unbeachtet bleiben. Solche blinden Flecken in der Wahrnehmung können etwa in Zusammenhang mit Vorab-Erwartungen zu einem Thema, mit der Gruppenzusammenstellung oder auch mit dem lokalen Kontext stehen, in dem ein bestimmtes Projekt durchgeführt wird. Ein Beispiel dafür beschreibt Shannon Walsh (Walsh 2007: 241–255). In einem ihrer Projekte mit Jugendlichen zum Thema Aids hatten sich Teilnehmer_innen darüber beklagt, dass das Thema meist mit Bildern von dunkelhäutigen und armen Menschen, also Menschen wie sie selbst, dar- gestellt würde: “Why are there so many videos and so much media coverage of us talking about HIV and AIDS and why not white people?” (Walsh in Mitchell 2011: 29). Fünf der Jugendlichen entschlossen sich in der Folge bewusst dazu, Fotointerviews mit weißen Jugendlichen zu machen. Sie suchten eine Privat- schule dafür aus, sprachen weiße Schüler_innen an, machten Fotos von ihnen und befragten sie zum Thema Aids (Mitchell 2011: 29). Die Frage „Wer ist im Bild und wer nicht?“ hat in diesem Fall dazu beigetragen, dass Teilnehmer_in - nen ihre eigene fixierte Rolle und ihren Objektstatus in Zusammenhang mit dem Thema Aids erkannten. Anschließend führte diese Erkenntnis zur Suche nach Strategien, wie dem wahrgenommenen Ungleichgewicht zumindest auf Projektebene entgegengewirkt werden konnte. Beispiel 2 Bei der Arbeit mit Fotografie zu sensiblen Themen, wie bei- spielsweise HIV/Aids, kann es passieren, dass die Menschen vor und hinter der Kamera von ihrer Umwelt außerhalb des Projekts mit dem Thema identifiziert werden und so eine Stigmatisierung erfahren. Jean Stuart (2006) berichtet von einem Projekt, bei dem sie mit Lehrer_innen in Ausbildung zum Thema HIV/Aids arbeitete und die Teilnehmer_innen eine solche Stigma- tisierung derart fürchteten, dass sie nicht fotografiert werden wollten:
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Generative Bildarbeit Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
Titel
Generative Bildarbeit
Untertitel
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
Autor
Vera Brandner
Verlag
transcript Verlag
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8394-5008-6
Abmessungen
14.8 x 22.5 cm
Seiten
276
Schlagwörter
Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
Kategorie
Medien
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