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18. Jahrhunderts:WährendCajetanTschinksGeschichte einesGeistersehers
(dt. 1790–1793) undCarl FriedrichAugustGrossesDerGenius (1791–
1794)das „strengsteParadigmaderVerwendung“böten,d.h.denGenius
„einem deutlich umschriebenen Bund […], dessen Interessen das Buch
beherrschen“, zuordnen, fänden sich „Schattierungen“ dieser Figur in
BenedicteNaubertsHermannvonUnna (1788), in IgnazAureliusFeßlers
Marc-Aurel (1789–1792) und in Lörincz Gindls Die Schlangenritter
(1799) ebenso wie in – bis heute – anonymen, nur einmal aufgelegten
Büchern wie demNonnenschauerromanBlutende Gestalt mit Dolch und
Lampe (o.J.). (Thalmann1923, 94–95)
InteressantfürThalmannistderGeniusdeshalb,weiler,wiesiebetont,
in seiner „Doppelrolle“alsVertreter einesBundesundBegleiterdesHelden
als erste literarische Figur den „Schein dämonischer Gespaltenheit“ auf-
weise. (Thalmann1923,94)Sogebeder „UmstandderAllgegenwärtigkeit,
der immer fühlbaren geheimnisvollen Macht […] dem Genius etwas
Gottähnliches“. (Thalmann 1923, 96) Auch, dass er als der „großeVer-
hüllte“ inwechselnden, in den LogenfarbenRot,Weiß und Schwarz ge-
haltenen Kostümen, „allwissend“ und „[g]eheimnisvoll“ immer „wie aus
der Erde geschossen“ auftrete, verleihe dieser Gestalt einen „über-
menschliche[n] Zauber“. (Thalmann 1923, 97 und 99) Er habe den
„Glanz fremderHerkunft“ (Thalmann 1923, 102), seinGesicht zeige die
„ZügedesdisharmonischenMenschen“undsein„beherrschende[r]Blick“
sei derdes „Magiers“, der imBetrachtetendas „GefühldesErstarrens, des
Beherrschtwerdens“auslöse. (Thalmann1923, 100–101)Er trete auf als
jemand,der „unabhängigvonSpeiseundTrank, vergeistigtwiederFakir“
sei und die „Kunst […], unedle Metalle in Gold zu verwandeln“, be-
herrsche. (Thalmann1923,103)DochobwohldemGenius eineVielzahl
„dämonische[r]Attribute“(Thalmann1923,101)beigegebensind,breche
laut Thalmann doch „immer wieder die Aufklärerfratze hinter dem zeit-
losen Kleide desWunders hervor“ (Thalmann 1923, 99). Denn all die
übermenschlichenEigenschaften, die ihm imLaufe derRomanhandlung
zugeschriebenwerden, erhalten amSchluss, wie imTrivialroman üblich,
eine rationale Erklärung und werden als Schein entlarvt, wodurch der
Romanmit einer „Wendung ins beruhigendLiebliche“ ende. (Thalmann
1923, 96) Damit sei der Genius, in dessen „Hand die Fäden geheimer
Führung zusammen[zu]laufen“scheinen (Thalmann1923,95), dochnur
eine „menschliche Figur des 18. Jahrhunderts“, die, soThalmann,
kühl gesehn nichts anderes ist als der vomVerstand- undVernunftkreis aus
beherrschte Sinnenmensch, der dualistische Mensch, dessen Disharmonie
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)148
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher