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weder Leid nochErleben erlöst haben, deren Schwergewicht vomVerstande
nacheinerRichtunghin[derdesBundes,E.G.]einfachzweckmäßigbestimmt
wird. (Thalmann1923, 101)
Trotz derDemaskierungderGeniusfigur in,wieThalmannes ausdrückt,
das aufklärerische „Nikolospiel des biederen Bürgers“ (Thalmann 1923,
104) sieht sie dochgerade in ihr „das ausgeprägt disharmonischeGutdes
Trivialromans“, nach dem der romantische Roman in der Entwicklung
zweier typisch romantischerGestalten greife: Aus demGenius des Bun-
desromans,diesem„hochentwickelte[n]Verführer“,werde inderRomantik
sowohl„derFremde,derUnbekannte“alsauchder„metaphysischeKünstler“.
(Thalmann1923,264)So ist der fremdeMaler inE.T.A.HoffmannsDie
Elixiere des Teufels (1815/16) lautThalmann eine „[k]lare Bundesroman-
erscheinung“: „hager[ ]“, „von ungesagtem Alter, im wundersam ge-
bauschten[…]Mantel,mehrGeisterfürstalsMensch“.Thalmannverweist
aber auch auf viele andere romantische Figuren von „unerforschte[r]
Herkunft“:WiederGeniusdesTrivialromanserscheinen sie zumBeispiel
inNovalis’Die Lehrlinge zu Sais (entst. 1798/99), inAchimvonArnims
DieKronenwächter (1817/1854)und inE.T.A.HoffmannsDieBrautwahl
(1819–1821) in einem „wunderlichenKleide“ und sind von „märchen-
hafte[m] Alter“. Auch der bestechende und fixierende Blick des Genius
finde sich nach Thalmann bei nahezu allen Romantikern, in Novalis’
Heinrich vonOfterdingen (entst. 1800) ebensowie in LudwigTiecksDie
Geschichte desHerrnWilliamLovell (1795/96) undFriedrich de laMotte
FouquésDer Zauberring (1813). Verwandelt habe sich aber die Gespal-
tenheit der Figur: Hatte der Genius des Trivialromans durch äußere
Umstände die Doppelrolle als Emissär des Bundes und Begleiter des
Helden, so wird der Unbekannte im romantischen Roman zum „Typus
starker, innerer Schwankungen“. (Thalmann 1923, 267–268) Insgesamt
werden die Figuren verstärkt psychologisch erfasst. So rücke das „un-
heimliche Lachen“ des Genius im romantischen Roman an das „wahn-
sinnige Gelächter der Irren“ heran (Thalmann 1923, 271) und seine
Verwandlungsfähigkeit – eine der „fruchtbarsten Eigenschaften für die
Romantik“ – gewinne überhaupt ein Eigenleben: Zwar seien von den
„alten Verwandlungskünsten des Genius“ noch die „wechselnden Er-
scheinungsformeneinundderselbenRomanperson“geblieben,aberhäufig
werdeausderMaskierungwiebeiFriedrichSchlegelsLucinde (1799)„eine
fortwährende, geistige Abspaltung“. (Thalmann 1923, 272–273) Die
romantische Vereinnahmung des „grauenvolle[n] Fremde[n]“, so Thal-
mann resümierend, werde dadurch abgeschlossen, dass er „demHelden
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 149
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher