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nichtmehrals losgelöste, selbständigeGestaltgegenüber[tritt], sondernals
Abspaltung seines eigenen Ich“. (Thalmann1923, 275)
Die zweite romantischeFigur,die ausdemGeniusdesBundesromans
entstand, siehtThalmann im romantischenKünstler.Diesendefiniert sie
als „VerklärungdesweisenMagiers“, als eineGestalt, die „die eigentliche
Kunst desMaurers, dieBaukunst,Astronomie,Geometrie,Ton-,Dicht-,
Scheidekunst,dieKunstdesHerrschens“übe. (Thalmann1923,265)Der
romantische Künstler stehe wie die Geniusfigur „über denMenschen“,
aber „nichtmehr alsBote einer unbekanntenMacht, sondernkraft seines
bildendenWillens, als Schaffender“; er sei „vollendeter Weiser –Meister,
Magier“. Als literarische Beispiele nennt ThalmannLudwigTiecks Figur
des AndreaCosimo, der, wie es bei Tieck heißt, aus Lovell, „diesem selt-
samenSteine, Funken zu schlagen“ gedenke,weiters den „abenteuerliche[n]
Eremit[en] […], der auchMaler ist“, inTiecksFranz SternbaldsWande-
rungen (1798) und die Künstler, die in Novalis’ RomanHeinrich von
Ofterdingen als „Wahrsager und Priester, Gesetzgeber und Aerzte“ be-
schrieben werden.Die „größte Kraft ihrer Seele“ haben die Romantiker
aber laut Thalmann in eine weitere Umwertung dieser Künstlererschei-
nungengelegt,nämlichindie„Beseelung“, indieVerwandlungdesGenius
ins Genie. Diese erfolgte, so Thalmann, indem der „Künstler […] der
Gottheit näher gerückt“wurde, und zwar „durch jene letzteWeisheit, die
der gebundene Sinn der LaienWahnsinn nennt“. So tragen alle roman-
tischenKünstler „etwas anscheinend Irres an sich“, dieses sei aber nichts
Negatives, sondern es führe imGegenteil zur „höchste[n] dämonische[n]
Harmonie“,daesder„wiederholtbetontenAuffassungderRomantik[…],
daß Wahnsinn göttliche Torheit sei“, entspräche. Damit seien diese
Künstler nicht wie im Trivialroman nur vorgetäuschte, sondern „wahre
Eingeweihte“: „Dieprimamateria ist ihnenbekannt, siekennendas letzte
Geheimnis, den Stein der Weisen […].“ (Thalmann 1923, 282–283)
Dieses letzte Geheimnis, die „überirdische Erlösung“, liege für Tieck,
Schlegel und Novalis in der „weiße[n] Magie“, die laut Thalmann fol-
gendenZweckhat:„VomGrauendesDualismusindieHarmoniemitsich
und den Dingen wachsen, seine Seele den Gegenständen mitteilen, ist
wahrhafteTranssubstantiation,istdasedelsteGeheimnisallerMagier.“Die
literarischen Beispiele, die Thalmann anschließend an diese Erklärung
bringt,beziehensichauf FriedrichSchlegel,der inLucindedas„Chaosder
streitendenGestalten“durcheine„MagiederFreude“auflösenwollte,und
auf Ludwig Tiecks Roman Franz Sternbalds Wanderungen, in dem das
GeheimnisdeswahnsinnigenMalers,dasdieserseinenLehrlingenmitgibt,
schlicht laute: „mit sich zufrieden sein“. (Thalmann1923, 287–288)
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)150
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher