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Die über 300 Seiten umfassenden Ausführungen zu den motivge-
schichtlichen Beziehungen zwischen Trivialroman und romantischem
Roman versieht Thalmann durchgehendmit einer Kritik derWertschät-
zung, die der akademische Betrieb der Aufklärung und der Klassik ent-
gegenbringt.SolehntsiedieAuffassungFritzGieses,SchülervonWilhelm
Wundt und Professor für Psychologie an der Technischen Hochschule
Stuttgart, dass „erst inGoethesMeister […]dieselbenPersonen in neuer
Gestaltauftreten“(Thalmann1923,104),ebensoabwiedieEinschätzung
desGermanistenundFreimaurerforschersFerdinandJosef Schneider,dass
Friedrich Schillers RomanDerGeisterseher (1787–1789) eine prototypi-
sche Funktion für den romantischenRomanhabe.26Ohne darauf einzu-
gehen, dass Schillers Roman vor demGroßteil der von ihr angeführten
Trivialliteratur erschienen ist, siehtThalmann inDerGeisterseher lediglich
einen„VersuchdesDichters […] indenBahneneinerbereitsbestehenden
Gattung“ (Thalmann 1923, 272). Überhaupt relegiert Thalmann den
„vorromantischenKunstroman“27 in die Peripherie einer für den roman-
tischen Roman unbedeutenden Übergangsstation: Er sei „nicht Anreger
undErfinder, sondern nurDurchgang“ für die „Sehnsucht nach dem Irra-
tionalen“, für die „Dämonie derRomantiker“ gewesen (Thalmann1923,
316–317), da er keine „Bereicherung oderUmwertung der einzelnen Fak-
toren“, die bereits im Trivialroman vorhanden gewesen seien, darstelle.
(Thalmann 1923, 171–172) Sein einziges Verdienst für die Romantik
habe er lautThalmann als „Veredler der Form“geleistet:Wenndie „wis-
senschaftliche Forschung […] zwischen beiden vor allem immer die
künstlerischenGegensätze“ betone und „denTrivialroman in dieNiede-
rungen deutscher Unterhaltungsliteratur als geschäftstüchtige Ausgeburt
einer sensationslustigen Zeit“ verweise, dann habe sie, so Thalmann,
übersehen, dass es das „Rohmaterial“ der Trivialromane und nicht der
Kunstromane war, an dem „das romantische Interesse“ gelegen sei.
(Thalmann1923, 316–317)
Diese Einschätzung Thalmanns zielt zweifellos auf eine Aufwertung
des Trivialromans alsGegenstand des literaturwissenschaftlichen Interes-
ses.Dabei gingesThalmann jedochnichtdarum,denTrivialromanselbst
26 Thalmannbezieht sichaufGiese:Der romantischeCharakter (1919);Schneider:
DieFreimaurereiundihrEinflußaufdiegeistigeKultur inDeutschlandamEnde
desXVIII. Jahrhunderts (1909).
27 SoderTitel des zwischen die beidenTeile zumTrivialroman und zum romanti-
schenRomaneingeschobenenkurzenKapitelsüberGoethe,Hippel,Jung-Stilling,
Schiller undWieland.
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 151
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher