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Die zweiteHauptrichtung derRomantikdeutungen im erstenDrittel
des 20. Jahrhunderts kann in der stammeskundlichen Literaturge-
schichtsschreibung JosefNadlers gesehenwerden.Sowohl in seinerStudie
Die Berliner Romantik von 1920 als auch im dritten Band seiner Litera-
turgeschichtederdeutschenStämmeundLandschaften,dessenzweiteAuflage
unter demTitelDer deutsche Geist 1924 erschien, widmete sich Nadler
ausführlichseinerAuffassungderdeutschenRomantik.Inseinerhistorisch,
geographisch und ethnologisch strukturierten Literaturbetrachtung, die
die deutscheKulturgeschichte in drei großeEntwicklungslinien, nämlich
die der „Altstämme“ (Alemannen, Franken, Thüringer, Bayern), die der
„Neustämme“ (Meißner, Sachsen, Schlesier, Brandenburger, Altpreußen)
unddiedes „bayerisch-österreichischenSüdensundSüdostens“teilt, kam
sowohl derKlassik als auch derRomantik eine besondere Bedeutung zu.
Beide stellten fürNadler „Höhe- und Endpunkt der bislang separat ab-
laufendenwest-undostdeutschen,Vorgänge‘“43dar.SohabedieWeimarer
Klassikdie eigenständigeEntwicklungder ,Altstämme‘abgeschlossenund
die Romantik als „Krönung des ostdeutschen Siedelwerkes“ eineKultur-
erneuerungsbewegung vollendet, in der sich das ostdeutsche „Siedelvolk“
dieKultur der ,Altstämme‘ angeeignet und „nach derVerdeutschung des
BlutesundderErde“auchdie„VerdeutschungderSeele“vollbrachthabe.44
In diesemSinne stelltenKlassik undRomantik fürNadler den „Doppel-
gipfel der deutschen Kultur“ dar und ermöglichten dadurch in weiterer
Folge „die endgültige Verschmelzung der Volkshälften zum modernen
deutschen Staat“.45
AlsdritteRichtungsindEntwürfesozialhistorischerundsoziologischer
Romantikforschung zu nennen. Zum einen handelt es sich dabei um
Studien,dieandenkulturhistorischenArbeitenKarlLamprechtsorientiert
sind,wie zumBeispiel jenePaulMerkers, der 1921verkündete, dass nun
„soziale Probleme imVordergrund des Interesses stehen und neben der
unbestreitbaren Bedeutung der Einzelpersönlichkeit inWeltanschauung
und Praxis das Eigenleben der Masse zu einem nicht zu übersehenden
Faktor geworden ist“46, aber auch jene Fritz Brüggemanns, der geistesge-
schichtliche und sozialhistorische Literaturbetrachtung zu vereinen such-
43 Klausnitzer: BlaueBlumeuntermHakenkreuz (1999), S. 61.
44 Nadler: Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. Bd. 3
(1918), S. 9.
45 Klausnitzer: BlaueBlumeuntermHakenkreuz (1999), S. 62.
46 Merker:NeueAufgabender deutschenLiteraturgeschichte (1921), S. 52.
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 155
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher