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te.47Daneben begründete Levin L. Schücking mit seiner Soziologie der
literarischenGeschmacksbildungdas Programmeiner sozial differenzierten
Rezeptionsgeschichte.48DiesenAnsätzengelanges jedochnicht–odernur
in geringemMaß –, den inneren Kreis der Universitätsgermanistik zu
beeinflussen.
Thalmann setzte 1923mit ihrerHabilitationsschrift inDarstellung,
Methode und Erkenntniswillen auf alle drei der durchweg heterogenen
Ansätze zur germanistischen Romantikforschung.Mit ihrerWürdigung
romantischerAufklärungsfeindlichkeit, ihrenBemühungen,diedeutsche
Klassik nur als „Vermittler“ und „Bindeglied in der Kette der Entwick-
lung“ (Thalmann 1923, 172) zu sehen, ihrer semantisch überladenen
Sprache und ihren ungenauen Autoren-, Titel- und Jahresangaben49 ist
ThalmannderGeistesgeschichte zuzurechnen.AnNadlersKonstruktion
wiederum ist für die Einschätzung vonThalmanns Studie dreierlei von
Bedeutung:Zumeinen teilteThalmannmitNadlerdieAuffassung, dass
dieeigentlicheReligionderDeutschenunddamitauchderRomantikder
Katholizismus sei; zum anderen ist es geradeNadlers „Idee von der na-
tionalenBildungsarbeit […]alsWesenderRomantik“, aufdieThalmann
imZuge ihrer Verteidigung der deutschenRomantik gegen derenDefi-
nition als „Absterben antiken Geistes“ oder als „geistigen Niedergang“
ausdrücklich verweist (Thalmann 1923, 75); und gleichzeitig kann die
Aufnahme trivialer Literatur in eine akademische Arbeit alsWürdigung
des vonNadler postulierten breiten Literaturbegriffs gesehen werden.50
Die sozialgeschichtliche, im zeitgenössischen wissenschaftlichen Feld
weitgehend wirkungslos gebliebene Variante möglicher Romantikbe-
trachtungmarkiertThalmannnur imTitel.DieprominenteSetzungdes
47 Vgl. u.a. Brüggemann: Psychogenetische Literaturwissenschaft (1925).
48 Schücking: Die Soziologie der literarischen Geschmacksbildung (1923); ders.:
Literaturgeschichte undGeschmacksgeschichte (1913).
49 Die hier verzeichnetenTitel, Autorennamen undErscheinungsdaten zu den von
Thalmann besprochenen Romanen finden sich nicht oder nur fragmenthaft in
ThalmannsHabilitationsschrift, siewurden vonmir nachgetragen.
50 Da bei Nadler Völker und nicht Individuen als Träger der Geschichte gesetzt
wurden, verloren ästhetische Kriterien ihre Bedeutung bei der Auswahl der als
forschungsrelevant einzustufendenTexte;Nadler sah keinen „Grund“, „der eine
Wissenschaft von den literarischen Denkmälern zwingen könnte, sich gegen-
ständlichaufeineAuswahlausdenTextenzubeschränken“;vielmehrvertraterdie
Auffassung, dass, „wenn es eineWissenschaft von den literarischenDenkmälern
geben soll, dieseWissenschaft die Gesamtheit derDenkmäler als Form und als
Inhalt zumGegenstande nehmenmuß“.Nadler:DieWissenschaftslehre der Li-
teraturgeschichte (1914), S. 26undS. 29.
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)156
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher