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Begriffs ,Trivialroman‘ verweist zwar auf die zeitgenössisch imEntstehen
begriffeneErforschung vonDistributionswegen,Publikumswirkungund
sozialerVerortungderLeserschaft,die,dasienichtaufästhetischeAspekte
als Auswahlkriterium angewiesen ist, gerade anhand trivialer Massenli-
teratur erprobtwurde. ImBuch selbst gingThalmann aber nicht darauf
ein.51
Trotz derVereinigung der zeitgenössisch zerklüfteten literaturwissen-
schaftlichen Forschungsansätze oder aber gerade wegen der Uneindeu-
tigkeit der methodischen Zuordnung widmete die akademische Fachöf-
fentlichkeit der Habilitationsschrift Marianne Thalmanns – ganz im
Unterschied zu ihren anderen, in den 1920er und 1930er Jahren veröf-
fentlichten Büchern – so gut wie keine Aufmerksamkeit. Weder Josef
Nadler, um dessen Interesse sich Thalmann auch persönlich bemühte,52
noch die Literatursoziologen haben sich zu ihrem Buch geäußert. Der
einzigeFachvertreter,derdieStudie rezensierte,warRudolfUnger,der ihr
inseinenForschungsberichtenzurRomantikzweimaleinigewenigeZeilen
widmete. Darin würdigte er Thalmanns „literargeschichtliche Arbeits-
weise“, die es ihr ermöglicht habe, ihren „Gegenstand unter demAspekt
eines fortlaufenden, sozusagen nur durch gewisse Stromschnellen oder
Stauwehre in seiner kontinuierlichen Bewegung veränderten Flusses“ zu
sehen.53Es fehlte ihmaber die „Synthese“54, d.h. eine „weitere geistesge-
schichtliche Auswertung undVertiefung der Ergebnisse“55, sodass er das
Buch trotz der geistesgeschichtlichenKontinuitätsannahmewieder in die
Näheder ,alten‘ Philologie rückte undals „ungemein fleißige[ ] und zum
Nachschlagen oder als Vorarbeit sehr nützliche[ ], aber doch etwas re-
pertorienhafte[ ]Analyse“56bezeichnete.VoneinemVertreterdieser,alten‘
Philologie ist ebenfalls eine Einschätzung erhalten. August Sauer, der
Studien- undGenerationskollege von JakobMinor, des einzigen univer-
sitären Romantikforschers des 19. Jahrhunderts, stand demBuch aber –
trotz derAnempfehlung seines Freundes undThalmannsGrazerUniver-
51 EineeingehendeKritik(bzw.Verurteilung)vonThalmannsStudiehinsichtlichder
Erforschung trivialer Literatur findet sich beiVoges:AufklärungundGeheimnis
(1987), S. 285–289.
52 Brief von Thalmann an Nadler vom 20. März 1923; ÖNB, Handschriften-
sammlung, 409/30–1.
53 Unger:VomSturmundDrang zurRomantik (1928), S. 151.
54 Unger:VomSturmundDrang zurRomantik (1928), S. 151.
55 Unger:VomSturmundDrang zurRomantik (1928), S. 73.
56 Unger:VomSturmundDrang zurRomantik (1928), S. 151.
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 157
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher