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Geistesgeschichte eineÜberblendungvonKunstundWissenschaft,61 eine
„VerschmelzungderkritischenundderdichterischenSphäre“62 feststellen.63
Nicht von ungefähr findet sich die verbreitetste, wenn auch nicht
markierteRezeptionvonThalmannsDerTrivialromanundderromantische
Roman nicht innerhalb des wissenschaftlichen Feldes, sondern in einem
Roman, nämlich inThomasMannsDerZauberberg von1924. „Ichweiß
nochgenau“, schriebMann1937an JosephWarnerAngell, „daßdamals,
vonunbekannterSeite,eineSchriftüberFreimaurertumanmichgelangte,
die ich fürdiemaurerischenGespräche zwischenNaphtaundSettembrini
benutzte […].“ „[W]as Titel und Verfasser betrifft“, setzteManns „Ge-
dächtnis“aber „vollkommenaus“.64Erst1980wiesScottH.Abbottnach,
dassessichbeiderStudieumThalmannsHabilitationsschrifthandelte,die
MannimJunioderJuli1923,alsergeradeandemUnterkapitel„AlsSoldat
und brav“ schrieb, erhalten haben musste.65 Tatsächlich finden sich in
ebendiesemKapitel,kurznachdemNaphtaineinemGesprächmitCastorp
SettembrinizumerstenMalexplizitalsFreimaurerbezeichnet,66zahlreiche
begriffliche,stilistischeundinhaltlicheÜbernahmenausThalmannsBuch.
Eingewoben sinddieseÜbernahmen indiedurchaus satirisch-pointierten
Erläuterungen zumGeheimbundwesen, die der „verzweifelt-geistreiche[ ]
61 Zu ,Wissenschaftskunst‘ und ,Kunstwissenschaft‘ vgl. Osterkamp: Friedrich
Gundolf zwischenKunst undWissenschaft (1993).
62 Die „Wissenschaftskünstler“ stehen für die „Verschmelzung der kritischen und
dichterischen Sphäre“, sie nehmen an einem „Prozeß“ teil, „der die Grenzen
zwischenWissenschaft undKunst verwischt, denGedanken erlebnishaft durch-
blutet, dieGestalt vergeistigt“, soThomasMann1922 imersten seinerBriefe aus
Deutschland.Mann:Briefe ausDeutschland [I] (2002), S. 568. –ZudenÜber-
schneidungen in institutioneller Hinsicht an der Münchner Germanistik vgl.
Osterkamp:„VerschmelzungderkritischenundderdichterischenSphäre“(1989);
zum Verhältnis von literaturwissenschaftlicher Geistesgeschichte und Gegen-
wartsliteratur amBeispiel vonThomasMannvgl.Martus:DieGeistesgeschichte
derGegenwartsliteratur (2009).
63 ZudiesemVorstellungskomplexhat sichThalmannbereits inden1920er Jahren
auch in dem jungenMediumRadio geäußert. Thalmann:Nietzsche alsDichter
(1926). –ZumÜberschneidungsphänomenvonKunstundWissenschaft ausder
PerspektivederLiteraturvgl.Behrs:DerDichterundseinDenker(2013);Nebrig:
DisziplinäreDichtung (2013).
64 Wysling (Hg.): ThomasMann1889–1917 (1975), S. 546 (Brief vonMann an
Angell vom11.Mai 1937).
65 Abbott: „DerZauberberg“and theGermanRomanticNovel (1980).
66 Mann:DerZauberberg [1924] (2002), S. 764. Schon davor sind vereinzelt An-
spielungen auf Settembrinis Zugehörigkeit zu den Freimaurern zu finden; der
Begriff ,Freimaurer‘ fällt hier aber zumerstenMal.
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 159
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher