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ZusammenziehungdreierPassagen ausThalmannsHabilitationsschrift;82
auchdasfürdenZauberbergzentraleThemaderAndrogynie istbereitsbei
ihr vorgeprägt.83
ThomasMann bezeichnete seineArbeitsweise 1945 als „höheres Ab-
schreiben“84;undtatsächlich sinddieÜbernahmenausThalmannsStudie
derart präzise in den Roman eingearbeitet, dass sie mit diesem ver-
schmelzen und, wenn überhaupt, erst nach eingehender Suche kenntlich
gemachtwerden können.Das hat neben inhaltlichen vor allem auch sti-
82 Bei diesen drei Passagen handelt es sich um folgende: (1) „Vor allem erfaßt die
Romantik die Magie in zwei wichtigen Grundbegriffen: Symbol und Stoffver-
wandlung […].“ – (2) „Zunächst demGold stand das Elixier imMittelpunkt
alchymistischer Betriebe.Dieses Elixier,Magisteriumoder lapis philosophorum,
wieesverschiedentlichgenanntwird,wareinchemischesPräparatvonunbedingter
Verwandlungskraft.EskonnteKiesel inEdelsteine,Krankegesund,EisenzuGold
machen,verjüngen,geistigerheben.Klaristsoviel,daßseineKraftunbedingtnach
oben ging, vomMinderen zumHöheren. ImStein derWeisen [lapis philosopho-
rum, E.G.] drückte sich demzufolge derGlaube an durch äußere Einflüsse bedingte
Höherentwicklung aus.Für die Romantikwird es nicht unwesentlich erscheinen,
daßderalchymistischeHerstellungsprozeßalseingeschlechtlichergedachtwar,wie
ja sexuelleMotive in der alchymistischenLiteratur an sich nicht selten sind.Die
primamateriawirdals zweigeschlechtlichaufgefaßt.Dieüblige [!]Darstellung ist
der ,Rebis‘ (res bina), einMenschmitmännlichemundweiblichemKopf, oder
Mercurius,derdenStabmitdenzweiantagonistischenSchlangenträgt.Erstdieser
hermaphroditischen Erscheinung legte die Alchymie die höchste Kraft der
Transmutation bei.“ – (3) „Und aus demzweigeschlechtlichen Stein derWeisen,
demphilosophischenProdukt aus demweiblichenPrinzip desMerkur unddem
männlichendesSulphursteigtderRomantikerzurseelischenHermaphrodisis.Was
derandrogyneMensch,der typischromantischeberührt,wirdGold.Seinezwiespältige
Seele ist die endlich gefundene primamateria aller alchymistischen Anstrengungen.“
Thalmann:DerTrivialromanundderromantischeRoman(1923), (1)S.317, (2)
S. 290, (3) S. 319.
83 Vgl. die oben zitierte Passage (S. 319) und: „Nur eineGestalt ist ins Edlere ge-
stiegen:DerweiblicheGenius.Ererscheintpsychologischvertieft.WarderEmissär
eine Figurmit demDoppelgesicht, eine Erscheinung vondisharmonischer, dua-
listischer Veranlagung, Ehrfurcht und Grauen erweckend, so wird die Frau in
Mignon ein androgynesWesen. Ihr Dualismus wird naturwissenschaftlich aus-
gedrückt:Sie isteinGemengevonweiblichemFühlenundmännlicherGeste–ein
Zwittertypus der Pubertätsjahre.Dieser Geist der Spaltung ist bereits in der al-
chymistischenLiteratur vorgebaut.DerLapis philosophorum ist einProdukt des
weiblichenMercurunddesmännlichenSulfur– also einZwitter.KeinePolarität
ohneDualität.Und sowardas alchymistischeGesetz derPolarität symbolisch bereits
das Gesetz der Bisexualität.“ Thalmann: Der Trivialroman und der romantische
Roman (1923), S. 172.
84 Mann:Briefe.Bd.2(1963),S.470(Brief vonMannanTheodorW.Adornovom
30.Dezember 1945).
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)162
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher