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umkämpftenGegenstand von (zumeist konservativ-politischen)Weltan-
schauungsfragen avancierte. Sowohl Schriftsteller wie Hugo von Hof-
mannsthal in seinerberühmtemRede„DasSchrifttumals geistigerRaum
der Nation“ (1927) oder Rudolf Borchardt in seinem – ebenfalls im
Münchner AuditoriumMaximum gehaltenen – Vortrag „Schöpferische
Restauration“ (1927) als auchWissenschaftlerwie FriedrichMeinecke in
Weltbürgertum undNationalstaat (1907) oder Carl Schmitt in Politische
Romantik (1919)artikulierten ihrepolitischenAnsichtenmitBlickaufdie
Romantik.89 Thalmann selbst hat ihr Paradestück in SachenWeltsicht,
Dichtung undWissenschaft aber nicht anhand der Erforschung der Ro-
mantik geliefert, sondern neun Jahre nach ihrer Habilitationsschrift in
einemBuchüber dasDramades 19. und frühen20. Jahrhunderts.
III.2.Konservativ-pessimistischeZeitdiagnose einer
Intellektuellen –DieAnarchie imBürgertum.EinBeitrag
zur Entwicklungsgeschichte des liberalenDramas (1932)
Eine konservativeGesellschaftskritikmit antimodernemGestus und ka-
tholischer Stoßrichtung übte Thalmann in ihrer StudieDie Anarchie im
Bürgertum von 1932. Dabei leistete sie weniger einen Beitrag zur Ent-
wicklungsgeschichte des liberalenDramas, wie es imUntertitel heißt; viel-
mehr fungierenausgewählteDramendes19.undfrühen20. Jahrhunderts
bei Thalmann alsQuellen für eine durchweg antidemokratische und an-
tiliberaleGesellschaftsstudie des städtischenBürgertums.WasThalmann
in ihrem Buch vorführt, ist eine unaufhaltsame Verfallsgeschichte bür-
gerlicher Lebensformen, deren Niedergang sie zum einen als gegeben
hinnimmt: „InderEntfernungvonheute ist es einhistorisch gewordener
Zustand, der für uns die Urzüge der Bourgeoisie trägt und in der Ge-
samtentwicklungdesdeutschenBürgertumseineEndstufedarstellt, ein in
Schönheit Zerschellen alter Formen.“90Zum anderen schreibt sie diesen
Verfall der zunehmendenWahl- undEntscheidungsfreiheit in Fragender
Lebensführung zu: „DaßMöglichkeiten vomGesetz zur Gesetzlosigkeit
fortschreiten, isteinFaktum.“(Thalmann1932,5)Die„Anarchie“,die im
89 Zur politischenRomantikrezeption im literarischen undwissenschaftlichen Feld
vgl. Steiger: „SchöpferischeRestauration“ (2003);Klausnitzer: BlaueBlumeun-
termHakenkreuz (1999);Kurzke:Romantik undKonservatismus (1983).
90 Thalmann:DieAnarchie imBürgertum(1932),S.6–ImFolgendenimFließtext
zitiert als (Thalmann1932, [Seitenabgabe]).
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)164
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher